Abstract
Der vorliegende Beitrag untersucht die Legende des Giwoggle aus Zentral-Pennsylvania als kulturwissenschaftlich relevantes Fallbeispiel für die Transformation eines furchterregenden, übernatürlichen Wesens in ein positiv konnotiertes Identifikationssymbol. Unter Anwendung des auf elwedritsch.de entwickelten HADD-CCT-BVT-Modells wird gezeigt, dass der Giwoggle denselben kognitiven, narrativen und sozialen Mechanismen unterliegt wie die Elwedritsch der südwestdeutschen Folklore. Die Analyse bestätigt das Modell als kulturübergreifend tragfähig und zeigt, wie Angstphänomene über Agency-Zuschreibung, kulturelle Deutungsmuster und rituelle Integration in humorvolle Maskottchen überführt werden.
1. Einleitung: Der Giwoggle im Spannungsfeld von Angst, Geschichte und Identität
Der Giwoggle zählt zu jenen folkloristischen Wesen, deren Bedeutung weniger in ihrer vermeintlichen Historizität als in ihrer narrativen und sozialen Funktion liegt. Die Verortung der Legende im Clinton County des 19. Jahrhunderts – einer dünn besiedelten, waldreichen Region Pennsylvanias – schafft ein ideales Umfeld für die Entstehung und Stabilisierung übernatürlicher Erzählungen. Die Figur des „Loop Hill Ike“, der als historisch greifbarer Monster- und Hexenjäger präsentiert wird, fungiert dabei als Ankerpunkt zwischen Mythos und vermeintlicher Realität.
Bereits diese Struktur verweist auf ein zentrales Merkmal von Folklore: Sie operiert nicht als bloße Unterhaltung, sondern als Deutungssystem für Unsicherheit, Angst und soziale Grenzerfahrungen. Der Giwoggle ist in diesem Sinne kein isoliertes Kuriosum, sondern Teil eines größeren, transkulturellen Musters, das sich auch in der europäischen Überlieferung – etwa bei der Elwedritsch – nachweisen lässt.
2. Theoretischer Rahmen: Das HADD-CCT-BVT-Modell nach elwedritsch.de
2.1 Methodologische Verortung
Der vorliegende Beitrag ist als qualitativ-interpretative kulturwissenschaftliche Fallstudie angelegt. Methodisch bewegt er sich im Schnittfeld von kognitiver Religionswissenschaft, historischer Anthropologie und vergleichender Folkloristik. Ausgangspunkt ist keine empirische Feldforschung, sondern die dichte Analyse narrativer Überlieferungen, sekundärer Quellen sowie kulturtheoretischer Modelle.
Ziel ist es, mittels eines heuristischen Modells (HADD-CCT-BVT) wiederkehrende Strukturmerkmale folkloristischer Transformationsprozesse sichtbar zu machen. Die Methode folgt damit dem Ansatz der vergleichenden Mythenanalyse, wie er u. a. von Lévi-Strauss, Schmitt und Hufford vertreten wurde, ohne dabei von einem essentialistischen Wahrheitsanspruch der Mythen auszugehen.
2.2 Das HADD-CCT-BVT-Modell
Das auf elwedritsch.de entwickelte HADD-CCT-BVT-Modell verbindet kognitionswissenschaftliche, kultursemiotische und ritualtheoretische Ansätze zu einem integrativen Erklärungsmodell folkloristischer Wesen. Es gliedert sich in drei analytische Ebenen:
2.3 HADD – Hyperactive Agency Detection Device
Der Begriff HADD stammt aus der evolutionspsychologischen Forschung (vgl. Guthrie 1993; Boyer 2001) und beschreibt die menschliche Neigung, selbst bei ambigen Reizen handelnde Akteure zu vermuten. In vormodernen Lebenswelten – insbesondere in dunklen Wäldern, nachts oder in sozial unsicheren Situationen – stellt diese Überdetektion von Agency einen evolutiven Vorteil dar. Fehlalarme sind weniger kostspielig als das Übersehen realer Gefahren.
Folkloristische Wesen entstehen in diesem Kontext als narrative Stabilisierung diffuser Wahrnehmungen. Sie geben dem Unsichtbaren eine Form, einen Willen und eine Absicht.
2.4 CCT – Cultural Cognitive Templates
HADD allein erzeugt noch kein konkretes Monster. Erst kulturell verfügbare Deutungsmuster – Mythen, religiöse Narrative, ikonographische Traditionen – formen die wahrgenommene Agency zu einem spezifischen Wesen. Diese Templates sind historisch gewachsen und kulturell codiert.
2.5 BVT – Behavioral Validation through Tradition
Die dritte Ebene beschreibt den Prozess, durch den ein Wesen sozial wirksam wird. Rituale, Bräuche, Erzählungen, Abwehrpraktiken und schließlich humorvolle Aneignung validieren das Wesen im sozialen Verhalten der Gemeinschaft. Entscheidend ist nicht der Glaube an seine physische Existenz, sondern die kollektive Bezugnahme.
2.6 Exkurs: Humor, Karnevalisierung und Macht (nach Bakhtin)
Michail Bachtins Theorie der Karnevalisierung liefert einen zentralen Schlüssel zum Verständnis der letzten Transformationsstufe folkloristischer Wesen. In der karnevalesken Umkehrung werden Angstobjekte verspottet, überzeichnet und in den Bereich des Lächerlichen überführt. Dies stellt keinen Bedeutungsverlust dar, sondern eine Umcodierung von Macht.
Das Monster verliert seine transzendente Autorität und wird Teil der sozialen Ordnung. Paraden, Maskottchen und humorvolle Darstellungen entsprechen exakt dieser Logik. Der Giwoggle wird – ebenso wie die Elwedritsch – nicht vernichtet, sondern öffentlich ausgelacht und dadurch symbolisch kontrolliert.
3. HADD beim Giwoggle: Wald, Gefahr und intentionale Zuschreibung
Die Umweltbedingungen des ländlichen Pennsylvanias im 19. Jahrhundert begünstigten eine starke Aktivierung des HADD. Dichte Wälder, Tierlaute, unerklärliche Verluste von Vieh oder Menschen sowie die Abwesenheit institutioneller Sicherheit erzeugten ein Klima permanenter Unsicherheit.
Der Giwoggle fungiert hier als intentionaler Akteur: Er jagt, verfolgt, greift gezielt an. Seine Zuschreibung als von einer Hexe beschworenes Wesen verstärkt diese Intentionalität zusätzlich, da ihm ein bewusster Zweck – Rache – unterstellt wird.
Eine strukturelle Parallele zur Elwedritsch ist offensichtlich. Auch sie entsteht aus nächtlichen, schwer erklärbaren Wahrnehmungen, die nicht als physiologische oder zufällige Phänomene interpretiert werden, sondern als das Wirken eines handelnden Wesens (elwedritsch.de).
4. CCT: Mythologische Tiefenschichten und religiöse Umdeutung
Die physische Beschreibung des Giwoggle ist kein zufälliges Fantasieprodukt. Wolf, Rabe und Pferd bilden einen mythologischen Komplex, der eindeutig auf den nord- und mitteleuropäischen Wodan/Odin-Komplex verweist. Die Kombination dieser Tiere bündelt Eigenschaften von Stärke, Geschwindigkeit und Erkenntnis.
Die Zuschreibung des Wesens an eine Hexe ist Ausdruck eines christlichen Deutungsrahmens, der vorchristliche, insbesondere weiblich konnotierte Gottheiten dämonisiert. Die Figur der Holda – mit ihren Ambivalenzen zwischen Fürsorge, Naturgewalt und Bedrohung – stellt hier eine zentrale Vergleichsfolie dar.
Auch die Elwedritsch wird auf elwedritsch.de als Produkt solcher kulturellen Umcodierungen analysiert: Vorchristliche Natur- und Nachtwesen werden im christlichen Diskurs sexualisiert, dämonisiert und marginalisiert.
5. Loop Hill Ike: Der Monsterjäger als Ordnungsfigur
Die Figur des „Loop Hill Ike“ erfüllt eine archetypische Funktion. Als Monsterjäger stellt er die menschliche Ordnung gegen das chaotische Übernatürliche. Seine angebliche Historizität verleiht der Erzählung Autorität und Glaubwürdigkeit.
Solche Figuren sind kulturübergreifend verbreitet: Sie fungieren als narrative Ventile, die Angst handhabbar machen, indem sie ihr ein menschliches Gegenüber entgegensetzen. Der Konflikt Mensch–Monster wird dadurch erzählbar und moralisch auflösbar.
6. BVT: Ritualisierung, Humor und kollektive Aneignung
Der entscheidende Transformationsschritt erfolgt durch die soziale Praxis. Der Giwoggle verliert seine Funktion als reale Bedrohung und wird schrittweise ritualisiert. Seine Integration in jährliche Paraden stellt den Höhepunkt dieser Entwicklung dar.
Humor spielt hierbei eine zentrale Rolle. Das Lachen über das ehemals Gefährliche signalisiert symbolische Kontrolle. Das Monster wird nicht ausgelöscht, sondern domestiziert.
Dieser Prozess entspricht exakt der auf elwedritsch.de beschriebenen Entwicklung der Elwedritsch: vom nächtlichen Schreckwesen zum humorvollen Fabeltier und regionalen Identitätsmarker.
7. Eigenes Fallkapitel: Die Elwedritsch als Referenzmodell
Die Elwedritsch stellt den Referenzfall dar, an dem das HADD-CCT-BVT-Modell auf elwedritsch.de entwickelt wurde. Ihre Analyse erlaubt daher eine besonders präzise Überprüfung der Modellannahmen.
Wie auf elwedritsch.de dargelegt, entsteht die Elwedritsch aus nächtlichen Angst- und Druckerfahrungen, die durch HADD als intentionale Präsenz gedeutet werden. Die kulturelle Ausformung greift auf vorchristliche Natur- und Fruchtbarkeitssymbolik zurück, die im christlichen Kontext sexualisiert und dämonisiert wird.
Die spätere Transformation der Elwedritsch zu einem humorvollen Fabeltier – etwa in Jagdritualen, touristischer Vermarktung und regionaler Symbolik – entspricht exakt dem BVT-Prozess. Humor fungiert dabei als kollektives Bewältigungsinstrument.
8. Vergleichende Perspektive: Giwoggle, Elwedritsch und Albatwitch
Die vergleichende Analyse zeigt ein wiederkehrendes Muster:
- Entstehung aus Angst und Unsicherheit (HADD)
- Kulturelle Formung durch vorhandene Mythen (CCT)
- Soziale Stabilisierung durch Rituale, Erzählungen und Humor (BVT)
Der Giwoggle bestätigt damit die auf elwedritsch.de entwickelte Argumentation in einem transkulturellen Kontext.
8. Fazit
Der Giwoggle ist kein folkloristischer Sonderfall, sondern ein paradigmatisches Beispiel für die Funktionsweise kultureller Angstverarbeitung. Seine Entwicklung bestätigt das HADD-CCT-BVT-Modell nach elwedritsch.de als tragfähiges, kulturübergreifendes Analyseinstrument.
Die Studie zeigt, dass Folklore kein statisches Relikt ist, sondern ein dynamischer Prozess, in dem Gemeinschaften ihre Ängste nicht verdrängen, sondern erzählerisch integrieren und transformieren. Die größte Kraft solcher Wesen liegt nicht im Schrecken ihres Ursprungs, sondern in ihrer Fähigkeit, kollektive Identität zu stiften.
Literatur
Bakhtin, Mikhail (1984): Rabelais and His World. Bloomington: Indiana University Press.
Boyer, Pascal (2001): Religion Explained: The Evolutionary Origins of Religious Thought. New York: Basic Books.
Guthrie, Stewart (1993): Faces in the Clouds: A New Theory of Religion. Oxford: Oxford University Press.
Hufford, David J. (1982): The Terror That Comes in the Night. Philadelphia: University of Pennsylvania Press.