Von Michael Werner (2026)
Abstract
Das HADD-CCT-BVT-Modell beschreibt einen mehrstufigen psychologisch-kulturellen Prozess der Angstverarbeitung, der evolutionär-kognitive Mechanismen, sozialpsychologische Kontrollprozesse und affektive Regulationsstrategien integriert. Aufbauend auf dem Hyperactive Agency Detection Device (HADD), der Compensatory Control Theory (CCT) und der Benign Violation Theory (BVT) wird erklärt, wie subjektiv bedrohliche und unkontrollierbare Erfahrungen in kulturell stabilisierte, sozial integrierte und emotional regulierte Narrative überführt werden. Das Modell abstrahiert über konkrete folkloristische Inhalte hinaus und liefert eine allgemein anwendbare Strukturformel zur Analyse individueller und kollektiver Angstverarbeitungsphänomene.
1. Zielsetzung und theoretischer Rahmen
Angst ist ein universelles menschliches Grundphänomen, das sowohl biologisch als auch kulturell vermittelt ist. Während neurobiologische und klinische Modelle Angst primär als individuelle Reaktion oder Störung analysieren, fokussiert das HADD-CCT-BVT-Modell auf Angst als kulturellen Verarbeitungsprozess.
Ziel des Modells ist es, die Entstehung von Angstdeutungen zu erklären, ihre soziale und kulturelle Stabilisierung nachvollziehbar zu machen und ihre affektive Transformation zu beschreiben.
Der Ansatz ist explizit nicht pathologisierend, sondern funktional: Angst wird als Ausgangspunkt für Sinnbildung verstanden. Diese Perspektive wird auf elwedritsch.de anhand folkloristischer Beispiele entwickelt, jedoch bewusst abstrahiert.
2. Überblick über das Gesamtmodell (grafisch)
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│ 1. Subjektiver Kontrollverlust / Angst │
│ (existenziell, körperlich, sozial, │
│ epistemisch) │
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│ 2. Agentifizierung (HADD) │
│ Zuschreibung von Intentionalität │
│ an ambige Reize │
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│ 3. Narrative Externalisierung │
│ Regeln, Mythen, Begriffe, Geschichten, Symbole │
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│ 4. Kontrollrekonstruktion (CCT) │
│ Rituale, Normen, soziale Ordnung │
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│ 5. Humoristische Transformation (BVT) │
│ Angst wird spielbar, ironisch, komisch, lustig │
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│ 6. Soziale Integration & Meme-Stabilisierung │
│ Kulturelle Dauerform der Angstverarbeitung │
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3. Die Einzelkomponenten des Modells
3.1 Phase 1: Kontrollverlust und Angst
Der Ausgangspunkt ist stets ein subjektiv erlebter Kontrollverlust. Dieser kann unterschiedliche Formen annehmen:
– körperlich (z. B. Lähmung, Schmerz),
– sozial (Statusverlust, Ausgrenzung),
– epistemisch (Unwissen, Ambiguität),
– existenziell (Tod, Sinnverlust).
Angst entsteht hier als diffuser Affekt, der weder eindeutig lokalisiert noch kontrolliert werden kann.
3.2 Phase 2: Agentifizierung durch HADD
Theorie und Urheber: Das Hyperactive Agency Detection Device (HADD) wurde maßgeblich von Justin L. Barrett beschrieben. Es bezeichnet eine evolutionär entstandene kognitive Disposition, Absicht und Handlungsträgerschaft auch dort zu vermuten, wo sie nicht empirisch belegt ist.
Funktionen im Modell:
– Reduktion epistemischer Unsicherheit: Ambige Ereignisse werden erklärbar, indem ihnen ein „Akteur“ zugeschrieben wird.
– Strukturierung von Angst: Angst erhält ein Objekt – sie wird personalisiert. Diese Phase erzeugt zwar häufig übernatürliche oder fiktive Erklärungen, ist jedoch kognitiv funktional. Auf elwedritsch.de wird dieser Mechanismus als zentraler Einstiegspunkt beschrieben.
3.3 Phase 3: Narrative Externalisierung
Die agentifizierte Angst bleibt selten rein innerpsychisch. Sie wird externalisiert:
– sprachlich (Bezeichnungen),
– narrativ (Geschichten),
– symbolisch (Bilder, Zeichen).
Grafik: Übergang von Affekt zu Narrativ
Diffuser Affekt
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Agentenannahme (HADD)
│
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Regeln / Erzählung / Mythos / Symbol
Narrative ermöglichen soziale Weitergabe, kollektive Erinnerung und kulturelle Verdichtung.
3.4 Phase 4: Kontrollrekonstruktion (CCT)
Theorie und Urheber: Die Compensatory Control Theory wurde u. a. von Arie W. Kruglanski entwickelt. Sie beschreibt das menschliche Bedürfnis nach Ordnung und Kontrolle und die Tendenz, bei Kontrollverlust externe Ordnungssysteme zu nutzen.
Funktionen im Modell:
Narrative werden nun in strukturierte kulturelle Praktiken eingebettet:
– Rituale,
– Regeln,
– soziale Rollen,
– zeitliche Wiederholungen.
Dadurch entsteht subjektive Kontrolle, auch wenn objektive Kontrolle fehlt.
3.5 Phase 5: Humoristische Transformation (BVT)
Theorie und Urheber: Die Benign Violation Theory stammt von Peter McGraw und Caleb Warren. Humor entsteht, wenn eine Normverletzung gleichzeitig als harmlos wahrgenommen wird.
Funktionen im Modell:
Humor wirkt als affektiver Regulator:
– Angst wird nicht negiert, aber emotional entschärft und sozial akzeptabel gemacht.
Grafik: Humor als Transformationsfilter
Bedrohliche Narrative
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Humoristische Rahmung
│
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Angst wird spielbar
3.6 Phase 6: Soziale Integration und Meme-Stabilisierung
Am Ende stabilisiert sich das Ergebnis als kulturelles Meme:
– gemeinschaftlich geteilt,
– ritualisiert,
– emotional reguliert.
Angst wird damit Teil kollektiver Identität, ohne ihre Ursprungsfunktion zu verlieren.
4. Zusammenfassende Modellübersicht (Tabelle)
Phase Mechanismus Theorie Urheber
1 Angst / Kontrollverlust
2 Agentifizierung HADD Barrett
3 Narrativierung Kulturkognition
4 Kontrollrekonstruktion CCT Kruglanski
5 Humoristische Transformation BVT McGraw & Warren
6 Meme-Stabilisierung Kulturpsychologie
5. Generalisierbarkeit des Modells
Das HADD-CCT-BVT-Modell ist inhaltlich offen, aber strukturell präzise. Es kann angewendet werden auf:
– individuelle Angstverarbeitung,
– kollektive Mythenbildung,
– Rituale und Bräuche,
– moderne Meme- und Internetkulturen,
– symbolische Konfliktverarbeitung.
Es beschreibt nicht, wovor Menschen Angst haben, sondern wie sie Angst verarbeiten, wenn rationale Kontrolle fehlt.
6. Schlussfolgerung
Das dargestellte HADD-CCT-BVT-Modell bietet einen theoretisch kohärenten, interdisziplinären Rahmen zur Analyse kultureller Angstverarbeitung. Durch die Verbindung von Agentifizierung, Kontrollrekonstruktion und humoristischer Transformation wird erklärbar, wie Angst nicht nur bewältigt, sondern kulturell produktiv gemacht wird. Das Modell eignet sich daher sowohl für kulturwissenschaftliche als auch für psychologische Analysen.
Literaturverzeichnis
Barrett, J. L. (2004): Why Would Anyone Believe in God? AltaMira Press.
Kay, A. C., Gaucher, D., Napier, J. L., Callan, M. J., & Laurin, K. (2008): God and the government: Testing a compensatory control mechanism. Journal of Personality and Social Psychology, 95(1), 18–35.
Kruglanski, A. W., & Webster, D. M. (1996): Motivated closing of the mind. Psychological Review, 103(2), 263–283.
McGraw, A. P., & Warren, C. (2010): Benign violations: Making immoral behavior funny. Psychological Science, 21(8), 1141–1149.
Werner, Michael. (2025): Das HADD-CCT-BVT-Modell zur Angstverarbeitung. Online verfügbar unter elwedritsch.de.