Von Michael Werner
Abstract
In der volkskundlichen Forschung zur Elwedritsch wird häufig argumentiert, dass das Fehlen schriftlicher Quellen vor dem frühen 19. Jahrhundert auf eine Nichtexistenz der Elwedritsch in früheren Zeiten schließen lasse. Dieser Artikel zeigt, dass diese Schlussfolgerung methodisch problematisch ist. Mit Hilfe der Schrift–Sprache-Analogie wird dargelegt, dass aus der zeitlichen Begrenzung schriftlicher Belege nicht auf die Entstehung eines kulturellen Phänomens geschlossen werden kann. Der volkskundliche Ansatz wird als quellenzentriert, aber erkenntnistheoretisch verkürzt kritisiert.
1. Einleitung
Die Elwedritsch gilt heute als regionale Sagengestalt, deren schriftliche Überlieferung überwiegend auf das 19. Jahrhundert datiert wird. In Teilen der Volkskunde wird daraus gefolgert, dass die Elwedritsch selbst ein vergleichsweise junges Phänomen sei. Diese Argumentation stützt sich primär auf die vorhandene Quellenlage. Der vorliegende Beitrag problematisiert diese Schlussfolgerung und zeigt, dass sie auf einem argumentum ex silentio beruht.
2. Der volkskundliche Ansatz und seine implizite Annahme
Der klassische volkskundliche Ansatz operiert häufig mit der impliziten Prämisse: Was nicht belegt ist, hat nicht existiert. Diese Annahme mag in quellenreichen Bereichen (z. B. Rechtsgeschichte, Verwaltung) eingeschränkt zulässig sein, ist jedoch für mündliche, informelle und humoristische Volkskultur nur bedingt anwendbar. Gerade solche Phänomene entziehen sich systematischer Verschriftlichung.
3. Die Schrift–Sprache-Analogie
Zur Verdeutlichung dieses methodischen Problems bietet sich folgende Analogie an:
Die Schrift ist seit etwa 5000 Jahren belegt. Daraus folgt jedoch nicht, dass Menschen vor der Erfindung der Schrift nicht gesprochen haben. Diese Schrift–Sprache-Analogie macht sichtbar, dass Dokumentation und Existenz kategorial verschieden sind. Sprache ist ein vor- und außer-schriftliches Phänomen; Schrift ist lediglich eine Technik ihrer Fixierung. Übertragen auf die Elwedritsch bedeutet dies: Schriftliche Belege dokumentieren den Zeitpunkt der Aufzeichnung, nicht zwingend den der Entstehung. Das Fehlen früher Quellen belegt lediglich das Fehlen früher Dokumentation. Deshalb kann die Volkskunde nur zusätzliche Impulse erhalten, wenn Entwicklungen auch mit anderen Methoden wie Analogiebildungen und Konzepten aus anderen Disziplinen wie zum Beispiel der Linguistik (speziell der historischen Sprachforschung mit ihren Methoden), der Neurobiologie und der Psychologie ergänzt werden. Deren Methoden in der Volkskunde anzuwenden, schafft Erkenntnis.
4. Oralität als blinder Fleck der Quellenkritik
Volkskundliche Phänomene wie Sagengestalten, Scherzfiguren, Brauchrituale und Dialektwörter existieren primär im oralen Raum. Ihre Tradierung ist situativ, wandelbar und oft nicht schriftlich fixiert.
Die systematische Erfassung solcher Phänomene beginnt historisch erst mit dem Aufkommen der Volkskunde selbst im 19. Jahrhundert. Die Quellenlage sagt daher mehr über die Entstehung der Disziplin als über das Alter der Phänomene.
5. Der Fehlschluss aus der Abwesenheit von Belegen
Die Gleichsetzung von „nicht belegt“ mit „nicht existent“ stellt einen klassischen Fehlschluss dar. In der Wissenschaftstheorie ist dieser als argumentum ex silentio bekannt. Er ist insbesondere dann unzulässig, wenn keine systematische Dokumentation zu erwarten war, das Phänomen sozial niedrigschwellig oder humoristisch war oder die Überlieferung bewusst informell erfolgte.
All diese Bedingungen treffen auf die Elwedritsch zu.
6. Konsequenzen für die Elwedritsch-Forschung
Aus der Quellenlage folgt wissenschaftlich korrekt lediglich: Die Elwedritsch ist seit etwa 200 Jahren schriftlich belegt. Nicht zulässig ist hingegen: Die Elwedritsch ist erst vor 200 Jahren entstanden.
Eine seriöse Forschung muss zwischen Belegzeitraum und Entstehungszeitraum unterscheiden und darf Letzteren nur hypothetisch, nicht apodiktisch bestimmen.
7. Schlussfolgerung
Die Schrift–Sprache-Analogie zeigt, dass der volkskundliche Ansatz zur Elwedritsch dort an seine Grenzen stößt, wo er Dokumentation mit Existenz gleichsetzt. Die Elwedritsch kann eine jüngere Erfindung sein – sie muss es aber nicht. Die Quellenlage allein erlaubt darüber keine Entscheidung. Eine interdisziplinäre Öffnung hin zu kulturpsychologischen, linguistischen und memetischen Modellen erscheint daher methodisch geboten.
Zusammenfassung in einem Satz: Der volkskundliche Ansatz erklärt nur, wann die Elwedritsch als Phänomen erstmals aufgeschrieben wurde – nicht, wann sie entstanden ist.