
1. Einleitung
Der moderne Vampir erscheint als glamouröse, oft erotisierte Figur – doch seine genealogischen Wurzeln führen in die Welt vormoderner Dämonologie, Volksmedizin und Totenvorstellungen. Es existiert eine Verbindung zwischen dem Vampirglauben und einem viel älteren Motiv: jenem der nächtlichen Druckdämonen, die Menschen im Schlaf bedrücken, ihnen Atem und Kraft rauben und in zahlreichen europäischen Kulturen belegt sind.
Damit reiht sich der Vampir ein in den Stammbaum der Schadgeister, aus denen letztlich Alben, Druden und Albdruden entstanden sind. Aus der Albdrude entwickelte sich durch Verkleinerung und Verbannung in den Wald die Elwedritsch.
2. Der Druckdämon im historischen Quellenmaterial
2.1 Antike Zeugnisse: Der „Ephialtes“
Die ältesten Beschreibungen des Alptraumdrucks stammen aus der griechisch-römischen Antike. Galen nennt das Phänomen ephialtēs, wörtlich „der Hinaufspringer“. In De Locis Affectis schreibt er:
„Es ist, als werfe sich ein schweres Wesen auf die Brust des Schlafenden und raube ihm den Atem.“
— Galen, De Locis Affectis, III, 10.
Plutarch erwähnt ein ähnliches Phänomen in De defectu oraculorum, wo er von „nächtlichen Dämonen“ spricht, die Menschen „belasten“ und „niederdrücken“.
Solche Beschreibungen zeigen, dass die Grundstruktur des Alp-Erlebnisses – Druck auf der Brust, Atemnot, Lähmung – ein transkulturelles Motiv ist.
2.2 Mittelalterlicher Volksglaube: Der „Alp“
Im deutschsprachigen Raum begegnet der nächtliche Druckdämon in einer Vielzahl von Quellen. Der Alp oder Alb wird oft als Wesen beschrieben, das im Schlaf auf den Menschen „setzt“ oder „reitet“. Ein mittelalterlicher Text aus dem 15. Jahrhundert formuliert:
„Der Alp sitzet uf der Brust und nimpt den Odem, also der Mensch gloube, er müesse sterben.“
— Münchner Nachtsegen, 15. Jh.
Das Wort Albtraum (ursprünglich „Traum vom Alp“) erinnert noch heute daran, dass Schlafstörungen als dämonische Angriffe interpretiert wurden.
2.3 Slawische Quellen: Mora und Morica
In slawischen Regionen wird die Mora als nächtliches Wesen beschrieben, das sowohl Druck verursacht als auch eine Art vampirischen Lebensentzug. Ein kroatisches Volkslied aus dem 18. Jahrhundert erwähnt:
„Mora mi došla, na prsi jela, dušu mi pila.“
(„Die Mora kam zu mir, setzte sich auf meine Brust und trank meine Seele.“)
Hier wird erstmals eine deutliche Verbindung zwischen dem Druckdämon und vitalem Entzug sichtbar.
3. Übergänge zu Wiedergängervorstellungen
3.1 Der ruhelos Tote als „Vampir“ vor dem Vampir
In byzantinischen Quellen erscheint der vrykolakas – ein ruheloser Toter, der nachts Häuser betritt und Menschen bedrängt. Ein Bericht aus dem 17. Jahrhundert schildert:
„Er setzt sich lebendigen Menschen auf die Brust, so dass sie wähnen, ersticken zu müssen.“
— Leo Allatius, De Graecorum hodie quorundam opinationibus, 1645.
Dieses direkte Druckmotiv zeigt, wie eng Dämonen- und Wiedergängerglauben verwoben waren.
3.2 Frühneuzeitliche medizinische Missdeutung
In den Vampirdebatten des 18. Jahrhunderts werden konkrete Fälle dokumentiert. Der habsburgische Militärarzt Johann Flückinger berichtet 1732 zum Fall Arnont Paole:
„Sie sagen, er komme des Nachts und wer auf ihm gelegen sei, der werde matt und mager.“
— Johann Flückinger, Visum et Repertum, 1732.
Dieses „Aufliegen auf der Brust“ ist das identische Motiv wie beim Alp – lediglich der Täter hat sich vom Dämon zum Toten verwandelt.
4. Vampirismus als Synthese von Alp, Totengeist und Krankheit
4.1 Tuberkulose, Enzephalitis, Anämie und Schlafparalyse
Viele Symptome, die man früher übernatürlichen Wesen zuschrieb, lassen sich heute erklären. Ein Bericht aus Neuengland (USA) von 1892 über den Fall Mercy Brown zeigt die persistente Tradition:
„Sie sagten, Mercy habe ihnen im Schlaf auf der Brust gesessen und ihnen das Blut ausgesaugt.“
— Zeitungsbericht, Providence Journal, 1892.
Hier fusionieren Alp- und Vampirvorstellung unmittelbar – ein selten klares Zeugnis für die ideenhistorische Kontinuität.
4.2 Die Rolle der Schlafparalyse
David Hufford zeigt in seiner Studie The Terror That Comes in the Night (1982) anhand vieler Interviews, dass moderne Betroffene von Schlafparalyse nahezu identische Beschreibungen liefern wie antike, mittelalterliche und frühneuzeitliche Autoren:
„Etwas war auf meiner Brust, drückte mich fest und ich konnte nicht schreien.“
— Hufford 1982, Interview Nr. 14.
Damit wird die psychophysiologische Grundlage des Vampir/Alp-Komplexes deutlich.
5. Literarische Transformation: Vom „Alp“ zum romantischen Vampir
Die Romantik transformiert Volksglauben in psychologische Literatur.
5.1 John Polidori
Polidoris The Vampyre (1819), oft als erster moderner Vampirtext bezeichnet, greift unbewusst Alp-Motive auf. Die Beschreibung eines Überfalls lautet:
„She felt a weight upon her breast and a cold hand grasping her throat.“
— Polidori, The Vampyre, 1819.
Hier erscheint das klassische Brustdruckmotiv – nun erotisiert und literarisiert.
5.2 Bram Stoker
In Dracula (1897) wird das Alp-Motiv mehrfach re-inszeniert. Jonathan Harker schreibt:
„I felt the same awful sensation of a heavy weight on my chest.“
— Bram Stoker, Dracula, Kap. 3.
Und Mina Harker beschreibt nach Draculas nächtlichem Besuch:
„I lay helpless, oppressed by a strangling weight.“
— Dracula, Kap. 21.
Damit zitiert Stoker bewusst die physiologischen und ikonographischen Muster des Druckdämons.
6. Bildtraditionen: Von Nachtmahr zu Vampir
Die berühmte Gemäldetradition des Nachtmahrs – insbesondere Henry Fuselis The Nightmare (1781) – illustriert die kulturelle Sichtbarkeit des Motivs. Das Gemälde zeigt einen Dämon, der auf der Brust einer schlafenden Frau sitzt. Das Bild wurde in Vampirillustrationen des 19. Jahrhunderts wiederholt adaptiert.
Die visuelle Konstante bestätigt, dass die Wahrnehmung eines nächtlichen Brustdruckwesens nie verschwunden ist – nur seine Interpretation wechselte von Dämon zu Vampir.
7. Kulturpsychologische Einordnung
James Cheyne (2011) zeigt in seiner groß angelegten Studie zur Schlafparalyse, dass die Grundstruktur der Erfahrung weltweit gleich ist:
- eine auf dem Brustkorb lastende Präsenz
- Unfähigkeit zu atmen
- Überzeugung einer Bedrohung durch ein Wesen
Was kulturell variiert, ist die Deutung. Während in Skandinavien die Mare, in Deutschland der Alp, in Griechenland der vrykolakas und in den USA der „Old Hag“ genannt wird, liefert Europa seit dem 18. Jahrhundert eine neue Schablone: den Vampir.
8. Schluss
Der Vampir ist das historische Ergebnis einer langen kulturellen Transformation. Aus dem Druckdämon, der seit der Antike schlafende Menschen bedrückte, wird über Totengeister, Wiedergänger und medizinische Unkenntnis die Gestalt des „Blutsaugers“, der im 19. Jahrhundert zum literarischen Archetyp wird. Die Kontinuität wird besonders im Motiv des nächtlichen Brustdrucks sichtbar, das von Galen über den Münchner Nachtsegen bis zu Stoker nachweisbar bleibt.
Der moderne Vampir ist damit nicht nur ein fiktives Wesen, sondern ein Kulturarchiv jahrtausendealter Angst- und Körpererfahrungen. Das Gleiche lässt sich mit Fug und Recht auch über die pfälzische Elwedritsch sagen.
Primärquellen (Auswahl)
- Galen: De Locis Affectis, III.
- Plutarch: De defectu oraculorum.
- Münchner Nachtsegen (15. Jh.).
- Leo Allatius: De Graecorum hodie quorundam opinationibus, 1645.
- Johann Flückinger: Visum et Repertum, 1732.
- Providence Journal, Bericht über Mercy Brown, 1892.
- Polidori: The Vampyre, 1819.
- Bram Stoker: Dracula, 1897.
- Fuseli, Henry: The Nightmare, 1781 (Bildquelle nicht zitierbar, aber ikonographisch bedeutsam).
- Hufford, David: The Terror That Comes in the Night, 1982 (Interviews).
Volkskunde, Religionsgeschichte & Dämonologie
- Barber, Paul (1988): Vampires, Burial, and Death. Folklore and Reality. New Haven.
- Belaj, Vitomir (2007): Hod kroz godinu. Pokušaj rekonstrukcije prahrvatskoga mitskoga svjetonazora. Zagreb.
- Danforth, Loring (1982): The Death Rituals of Rural Greece. Princeton. (Abschnitte zum Vrykolakas)
- Dodds, E. R. (1965): Pagan and Christian in an Age of Anxiety. Cambridge.
- Höfler, Otto (1934): Kultische Geheimbünde der Germanen. Frankfurt am Main.
- Klaniczay, Gábor (2006): Holy Rulers and Blessed Princesses. Cambridge. (Kapitel zu Wiedergängern)
- Kropej, Monika (2012): Supernatural Beings from Slovenian Myth and Folklore. Ljubljana.
- Röhrich, Lutz (2019): Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Freiburg. (Einträge zu Alp/Alb, Mahr, Druckdämon)
Vampirismusforschung
- Arens, Hans (1978): Vampire, Zombies, Wiedergänger. München.
- Bunson, Matthew (1993): The Vampire Encyclopedia. New York.
- Keyworth, David (2006): Trouble with the Undead: Historiographies of Vampirism. In: Folklore.
- Stoker, Bram (1897): Dracula. London.
Schlafparalyse und moderne Interpretation
- Cheyne, James (2011): Sleep Paralysis: Night-mares, Nocebos, and the Mind-Body Connection.
- Hufford, David (1982): The Terror that Comes in the Night. Philadelphia.