Abstract

Der Stammbaum der Elwedritsche ist verzweigt. Zu den Vorfahren zählt auch der mesopotamische Dämon Alû (akk. alû/ālu). Dieser kommt in akkadischen und sumerischen Textüberlieferungen vor. Dieser Artikel rekonstruiert seine typischen Charakteristika (nächtliche Aktivität, „gesichtlose“ Erscheinung, Verursachung von Schlafstörungen/Alpträumen) und analysiert die semantische und rituelle Nähe zu weiblichen Nachtdämonen wie Lilitu (lilītu, ardat-lilî) und Lamashtu. Ausgangspunkt sind magisch-exorzistische Korpora (u. a. Maqlû, Šurpu), lexikalische Einträge und moderne Handbücher. Der Beitrag kommt zu dem Schluss, dass Alû und Lilitu funktional zur selben Klasse nächtlicher Unheilsgeister gehören und in Beschwörungsliteratur oft gemeinsam vorkommen, jedoch historisch unterschiedliche Ursprünge und geschlechtliche Konnotationen aufweisen.

1. Quellenlage und Methodik

Die Quellengrundlage besteht aus keilschriftlichen Beschwörungs- und Ritualtexten (v. a. die Maqlû-Serie der antimagischen Rituale und verwandte Šurpu-/Exorzismus-Texte), sowie aus lexikalischen und literarischen Erwähnungen, die in Editionen und Online-Korpora (z. B. ORACC/CMAWRO) ediert sind. Sekundärliteratur umfasst Standardnachschlagewerke (z. B. Dictionary of Deities and Demons in the Bible) und einschlägige Assyriologische Studien, insbesondere Veröffentlichungen von W. G. Lambert und neuere Synthesen zur Dämonologie. Aussagen über Funktionen und ritualpraktische Abwehrmaßnahmen stützen sich primär auf die beschriebenen Exorzismen.

2. Wer/was ist der Alû? — Textliche Charakterisierung

In den akkadischen Quellen erscheint Alû als ein nächtlicher Dämon, der Opfer im Schlaf heimsucht. Wiederkehrende Merkmale sind:

  • Nächtliche Aktivität: Alû operiert bevorzugt in der Nacht und wird mit Schlafstörungen und Albträumen in Verbindung gebracht.
  • „Gesichtslosigkeit“ / Körperlosigkeit: In mehreren Beschwörungstexten wird Alû als gesichtslos, lautlos oder ohne normale Gliedmaßen beschrieben — Eigenschaften, die seine ungreifbare, schattenhafte Natur betonen.
  • Krankheits- und Besessenheitspotenzial: Texte ordnen Alû neben anderen Geistern ein, die Fieber, Ohnmacht, andauernde Verfolgung oder „Ergreifen“ des Menschen bewirken; die therapeutischen Rituale zielen darauf ab, den Einfluss dieses Geistes zu brechen.

Die Belege verteilen sich auf liturgisch-magische Serien (Maqlû u. a.) sowie auf Beschwörungen, in denen Alû entweder namentlich auftritt oder über gemeinsame Merkmale mit anderen Geistern charakterisiert wird.

3. Funktion und rituelle Abwehr

Die Rolle des Alû im religiös-magischen Repertoire ist primär exorzistisch: Patienten, die unter nächtlichen Qualen, Schlaflosigkeit, Alpträumen oder scheinbaren Besessenheitszuständen leiden, werden mit speziellen Reinigungs- und Vertreibungsritualen behandelt. Die Maqlû-Serie enthält wiederholt Anrufungen und symbolische Handlungen (z. B. Verbrennen bestimmter Substanzen, Herstellung Schutzfiguren), die den nächtlichen Angriff beenden oder die haftende Magie „auflösen“ sollen.

4. Wer/was ist Lilitu (Lilith) — Überblick

Lilitu/Lilith bezeichnet in der mesopotamischen Überlieferung eine Klasse weiblicher Nachtwesen (lilītu, ardat-lilî, männliche Form lilû). Charakteristika sind u. a.: nächtliche Gefahr, Bedrohung von Frauen im Wochenbett und Neugeborenen, sexuelle und parasitäre Züge in einzelnen Mythen und Historiolas. Lilitu wird in späteren jüdischen und spätantiken Traditionen (Talmud, Mystik) mit der Figur Lilith verschmolzen, doch ihre Wurzeln und Funktionen liegen im mesopotamischen Dämonenkorpus.

5. Alû und Lilitu — Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Gemeinsame Merkmale (funktional/rituell)

  • Nächtliche Gefährdung: Beide gehören zur Gruppe der Nachtdämonen, die Sleep-related afflictions verursachen.
  • Erwähnung in denselben Rezepten: In exorzistischen Listen und Ritualtexten treten Alû und Lilitu oft nebeneinander auf oder werden im gleichen Kontext bekämpft, was auf funktionale Nähe hinweist.
  • Zielgruppe: Beide können Menschen im Schlaf treffen; Lilitu hat in vielen Texten zusätzlich explizit eine Rolle als Gefahr für Mütter und Neugeborene.

Unterschiedliche Aspekte

  • Geschlechtliche Zuschreibung: Alû wird in den Quellen oft weniger geschlechtlich markiert (gesichtsloser Nachtgeist), während Lilitu ausdrücklich weibliche Konnotationen besitzt (häufig verbunden mit reproduktiven Gefahren).
  • Mythische Personalisierung: Lilitu verfügt in manchen Quellen über narrative Profile (z. B. Erzählfragmente, spätere jüdische Legenden), die Alû so nicht hat; Alû bleibt tendenziell eher eine funktionale Kategorie dämonischen Unheils.

6. Historische Entstehung und kulturelle Transformationen

Die räumlich-zeitliche Bandbreite reicht von sumerisch-frühdynastischen Erwähnungen über altbabylonische Beschwörungen bis zu assyrischen und neu-babylonischen Ritualausführungen. Über die Jahrhunderte kam es lokal zu Vermischungen: weibliche Nachtwesen (lilitu) wurden mit anderen Geburts- und Kinderschädigungsdämonen wie Lamashtu assoziiert; in späteren kulturellen Kontexten (hebräische, geographisch veränderte Traditionen) verschmolzen einige dieser Gestalten oder wurden neu interpretiert (Lilith-Überlieferung). Die Transformationen zeigen die Flexibilität mesopotamischer Dämonologie und wie rituelle Praxis Namen und Eigenschaften rekombinieren konnte.

7. Deutungsperspektiven in der Forschung

Forschende wie W. G. Lambert und moderne Assyriologen betonen, dass viele dieser Gestalten praktisch funktional gedacht wurden: Namen dienten zur Kategorisierung und gezielten Bekämpfung bestimmter Symptome in der Volksmedizin/Exorzismuspraxis. Der Unterschied zwischen einer „mythischen Person“ und einem „funktionalen Geist“ ist im mesopotamischen Kontext oft fließend. Neuere Arbeiten diskutieren zudem gender- und sozialgeschichtliche Dimensionen (z. B. die Verbindung von Nachtgeistern mit Sorgen um Geburt und Reproduktion).

8. Fazit

Alû ist ein archetypischer, nächtlicher Dämon der mesopotamischen Dämonologie: gespenstisch, häufig als gesichtslos beschrieben, verantwortlich für Schlafstörungen, Alpträume und besessenheitsähnliche Zustände. Lilitu (bzw. Lilith in späterer Tradierung) ist eine weiblich konnotierte Gruppe von Nachtwesen mit besonderer Gefahr für Mütter und Kinder. Die Beziehung zwischen Alû und Lilitu ist nicht genealogisch (sie sind nicht „dasselbe Wesen“), aber rituell und funktional eng verflochten: beide kommen in Exorzismen und Listen zusammen vor und werden nach ähnlichen rituellen Prinzipien abgewehrt.

Literatur

Primärtexte / Editionen

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