21 Wie Aberglaube entsteht

Schwarze Katze (Quelle: Wikipedia)

Peter Brugger, Professor für Verhaltensneurologie und Neuropsychiatrie an der Universität Zürich, schrieb 2013: „Abergläubische Menschen stellen leicht Bezüge her. Diese Fähigkeit haben sie mit kreativen Menschen gemein. Kreativität zeichnet sich gerade durch die Fähigkeit aus, über herkömmliche Kategoriengrenzen hinweg zu assoziieren. Man denke nur an den Traum einer sich in den Schwanz beißenden Schlange, die den Chemiker Friedrich August Kékulé auf die Ringstruktur des Benzolmoleküls aufmerksam machte. Diese „kreative“ Seite des Aberglaubens könnte der Grund sein, warum er trotz aller unbestrittenen Nachteile evolutionär überlebt hat.“ (Quelle: Das Gehirn)

Seine These ist, dass die Fähigkeit, in nicht zusammen hängenden Dingen Zusammenhängendes zu sehen, ein evolutionärer Vorteil war. Stellen wir uns vor, wir sitzen in der Nacht am Lagerfeuer, und im Dickicht erkennen wir in der Dunkelheit ein Muster. Wir interpretieren das Muster als wildes Tier und machen uns zur Abwehr bereit. Und wir überleben. Wer dieses Muster nicht erkennt und sich nicht auf einen Kampf vorbereitet, wird vielleicht gefressen. Das bedeutet: Es kann sein, dass wir nur Unsinn sehen und diesem Unsinn einen Sinn geben. Dann ist aber nichts verloren. Denn es kann auch sein, dass wir das Muster richtig interpretieren und nur deshalb überleben.

Was hat das mit uns heute zu tun? Es gibt Menschen, die tragen einen bestimmten Schal, wenn sie zum Fußball auf den Betzenberg gehen. Gewinnt der FCK, ziehen sie denselben Schal beim nächsten Heimspiel wieder an. Sie interpretieren damit nicht Zusammenhängendes als zusammen gehörend. Schal und Fußballergebnis haben nichts miteinander zu tun. Trotzdem interpretieren diese Menschen das so. So entsteht Aberglaube. Aber es macht auch nichts, diesen Schal anzuziehen. Es verschafft den Menschen Kontrollgewinn. Sie meinen, den Sieg damit zwingen zu können. Ein Placebo-Effekt, sicher. Aber es fühlt sich gut an.

Was hat das nun alles mit Elwedritschen zu tun? Wie wir seit den neuesten genetischen Studien des Max-Planck-Instituts aus dem Jahr 2023 wissen, liegt die Urheimat der indoeuropäischen Urvölker im nördlichen Iran, also im fruchtbaren Halbmond. Die Nächte vor vielen tausend Jahren waren gefährlich: Säuglinge starben, ältere Menschen starben – alle im Bett. Irgendetwas musste dafür verantwortlich sein. Man suchte einen Verantwortlichen – und so entstanden Gottheiten (bzw. Dämonen, wenn diese gefallen waren und durch neue Gottheiten abgelöst worden sind).

Pentagramm

In dieser Situation versuchte man sich zu schützen. Irgendjemand in der Weltgeschichte kam auf die Idee, einen fünfzackigen Stern – ein Pentagram – auf die Fußseite des Bettes zu kritzeln. Und Menschen starben nicht – nicht in diesem Jahr, nicht im darauffolgenden Jahr. Jedenfalls in diesem Haus … Man erzählte den Nachbarn davon, und sie begannen ebenfalls, Pentagramme auf die Fußseite der Betten zu zeichnen. Klar, irgendwann starben in diesen Häusern auch immer wieder Menschen. Vielleicht musste man einfach mehr Pentagramme zeichnen, um die verantwortlichen Dämonen abzuwehren. So brachte man die Symbole auch außen über den Fenster an. Es entstand ein System von Schutz- und Abwehrmaßnahmen, das sich über die Zeit immer wieder veränderte.

Christlich überformter Aberglaube: Drei Kreidekreuze an Karfreitag auf die Tür gemalt schützen zusammen mit einem aus Besen und Mistgabel geformten Andreaskreuz vor Hexen (Quelle: Oberschlesisches Landesmuseum, 1920er/30er Jahre).

Irgendwann ging man dazu über, auch die Bereiche außerhalb des Bauernhauses abzusichern. Mancherorts bilden die Symbole überall auf dem Bauernhof einen regelrechten Bannkreis, der Hexen und Druden abhalten sollte.

Ein interessantes Artefakt ist ein sogenannter Bannkorb: Bienenbeuten mit Masken oder Bildnissen sollten im 18. und 19. Jahrhundert zusätzlich vor dem „Bösen Blick“ schützen. Bienen sind im Christentum religös aufgeladen und positiv konnotiert. Der Schwarm ist uraltes Sinnbild einer frommen und einigen Gemeinde. Die Bienenbeuten mit Masken warnen Hexen und Druden, nicht näher zu kommen. Auf diese Weise entfalten sie ihre apotropäische Wirkung.

Bienenbeute mit Maske (1808). Weitere Infos gibt es hier.

Die Schutz- und Abwehrmaßnahmen wanderten mit den Menschen auch immer wieder dorthin, wo sich nachfolgende Generationen von Bauern niederließen. Die agrarische Lebensweise mit Vorratshaltung ermöglichte mehr Menschen, satt zu werden. Mehr Kinder wurden groß, und wenn sie ebenfalls Bauern sein wollten, mussten sie sich an einem anderen Ort niederlassen. Man hat festgestellt, dass sich die bäuerliche Lebensweise von Generation zu Generation um etwa 20 Kilometer ausbreitete. So begannen Vorfahren der Indoeuropäer eine Wanderung, die eigentlich keine war. Die Ausbreitung der Landwirtschaft brachte die Menschen – und ihre Sprachen – vom fruchtbaren Halbmond kommend irgendwann nach Europa und bis nach Indien. Die Sprachen diversifizierten, und auch ihre kulturellen Muster diversifizierten und veränderten sich durch Raum und Zeit. Die Abwehrmaßnahmen gegen das Böse in der Nacht blieben – aber sie wandelten sich. Ganz am Ende dieses Prozesses steht die Elwedritsch im Pfälzerwald.

Und heute? Wer hat auch im 21. Jahrhundert noch Angst vor schwarzen Katzen und Freitag, dem 13? Wer gießt an Silvester Blei oder klopft dreimal auf Holz, um das Glück zu zwingen? Wer spuckt beim Familienbrettspiel auf den Würfel in der Hand, um sicher eine „Sechs“ zu würfeln? All dies sind Meme, die uns seit Urzeiten begleiten. Es ist nicht davon auszugehen, dass der Aberglaube in nächster Zeit verschwindet – trotz aller Aufklärung und Wissenschaft. Es liegt einfach in unserer menschlichen Natur, in der Welt Muster erkennen zu wollen, die sich wiederholen. Diese kreative Ader ist tief in unseren Genen verankert.

Das Virtuelle Museum Oberösterreich hat eine Seite gestaltet, auf der das Wesen der Magie gut zusammengefasst wird.

Zum Thema gibt es auch eine gute Sendung aus der Reihe „Terra Xplore“ (ZDF 2024), zu der man gelangt, wenn man hier klickt:

P.S. Drudenmesser (auch „Fuhrmannsmesser“ genannt) sind kein Thema der Vergangenheit. Es gibt immer noch Menschen, die an ihre Wirkung glauben, und Anbieter, die entsprechende Produkte zur Verfügung stellen. Ein Beispiel findet man hier.