
„Rituale sind der Leim, der Menschen zusammenhält“, sagt Harvey Whitehouse, Anthropologe der Oxford University. Der Wissenschaftler führt die bislang größte Studie zum Thema durch: „Ritual, Community, and Conflict“. 15 Universitäten aus aller Welt tragen mit Feldstudien, Befragungen, psychologischen Experimenten, archäologischen Ausgrabungen und Datenbankanalysen dazu bei.
Rituale ermöglichen es Menschen, in einem Ausmaß zu kooperieren, das sonst in der Natur selten ist. Aber Rituale sind ambivalent: Einerseits entwickelten sich so Gesellschaften, indem sie mit Hilfe von Ritualen ein „Wir-Gefühl“ schaffen. Andererseits schließen Rituale Fremde aus und können sogar zu Kriegen führen. Whitehouse und die beteiligten Wissenschaftler interessiert, wie menschliche Rituale im Laufe der Jahrtausende entstanden sind und warum sie jeden Aspekt des Lebens durchziehen. Bereits seit der Steinzeit helfen Rituale, zur Entwicklung von Gesellschaften beizutragen, wie z.B. das Buch „Religion in the Emergence of Civilization“ nahelegt. Hier wird unter anderem die gesellschaftliche Situation in der Siedlung Çatalhöyük in der heutigen Türkei, die etwa 7500 v. Chr. gegründet wurde, einer Analyse unterzogen.
Was bedeutet das vor dem Hintergrund der Frage, was eine Elwedritsch ist? Die Angst vor der Nacht und ihren Dämonen, vor nächtlichem Tod und schlechten Träumen beschäftigt die Menschen seit Urzeiten. Sie haben dieser Angst eine Gestalt und einen Namen gegeben. Dieses „Mem“ (vgl. Rubrik „Gene und Meme“) hat sich mit den Wanderungsbewegungen der Indeuropäer verbreitet und ist immer wieder mutiert (vgl. Rubrik „Indoeuropäische Perspektive“). Die Germanen kannten „(Dunkel-)Alben“, die Christen „Druden“ (Hexen). Beide Begriffe verbanden sich im Wort „Albdrude“, das nach einer Miniaturisierung durch Menschen in der Kurpfalz und angrenzenden Regionen zur „Elwedritsch“ wurde. Eine Elwedritsch ist also die Personifikation gebändigter Urängste, die man in den Wald verbannt hat.
Nun kommt das Ritual ins Spiel: Rituale schaffen ein Wir-Gefühl, schließen aber auch Fremde aus (vgl. weiter oben). Die Tritschologie verbindet nun beide Aspekte. Entstanden, weil man sich die Herkunft der Elwedritsche nicht mehr erklären konnte, bietet sie einen ritualisierten Umgang mit menschlichen Ängsten an:
Man begibt sich in kalter Nacht in den Wald, um sich dem Unbekannten zu stellen. Man tut es gemeinsam, was Kontrollgewinn schafft – und gestärkt mit Wein und einer Mahlzeit, ausgestattet mit dem notwendigen Werkzeug. Die gemeinsame Unternehmung lässt ein „Wir-Gefühl“ entstehen – zunächst auch für denjenigen, der zum „Sackhalter“ bestimmt worden ist. Dies bleibt so, bis er – alleine auf der Lichtung – feststellt, dass er als Fremder von der Gruppe hereingelegt worden ist. Sobald er dies erkennt und nach dem Weg zurück ins Wirtshaus eintritt, wo die anderen auf ihn warten, ist das „Wir-Gefühl“ wieder hergestellt. Der bis jetzt Fremde und Unwissende ist jetzt ausdrücklich inkludiert!
Die Tritschologie mit all ihren Ritualen macht einen kontrollierten Umgang mit Ängsten möglich und bietet gleichzeitig die Möglichkeit, die Gruppe der „Wissenden“ sukzessive um neue Mitglieder zu erweitern. Es ist damit ein vernügliches und menschenfreundliches Ritual, das wesentlich zur pfälzischen Kultur beiträgt. Ohne sie wäre es auch nicht möglich, dem auf den Grund zu gehen, was kulturhistorisch wirklich hinter den Elwedritschen steckt.
Deshalb soll es bitte auch in Zukunft aus dem Wald schallen: „Tritsch, tritsch … uiuiuiuiui!“
