26 Nächtliche Kinderschrecke

Planet Wissen (2023)

Der Nachtkrabb (Nachtrabe) wird Kindern gefährlich, die sich nach Einbruch der Dunkelheit noch im Freien aufhalten. Ähnlich der Butzemann, der Kindern nachstellt, die sich – besonders im Frühjahr – auf den Feldern herumtreiben und nicht zeitig den Weg nach Hause finden. Die im Pfälzischen bekannte Krawwelkatz (auch: „Grauelkatz“) soll Kinder im Haus halten, wenn es draußen bereits dunkel ist. Die Wilde Jagd schließlich macht(e) auch Erwachsenen Angst. In der Zeit ab 1. November – und besonders in den Raunächten zwischen dem 21. Dezember und dem 6. Januar – lief man bei Dunkelheit draußen Gefahr, von dem göttlich-dämonischen Zug germanischer Gottheiten in die Luft gerissen und auf Nimmerwiedersehen mitgenommen zu werden. Sie ist eine Mahnung, die Kräfte der dunklen Jahreszeit nicht zu unterschätzen – und eine Warnung, sich nicht außerhalb der von den Menschen gesetzten Grenzen und Normen zu bewegen. Ein gutes Video zur Wilden Jagd (mit allerdings schrecklicher KI-Stimme) gibt es hier. Im Beitrag wird auch deutlich, wie sehr das Prinzip der Memetik das indoeuropäische Motiv (es ist auch in Indien bekannt) in einzelnen Ländern Europas verändert und immer wieder neu geformt hat.

Das Muster wird klar: Die Nacht ist gefährlich, und wenn es dunkel ist, ist man bzw. bleibt man zu Hause. Die Nächte waren vor der Erfindung des Stroms ja auch stockdunkel.

Um die Bedeutung der Regel zu unterstreichen, bediente man sich in der Vergangenheit gerne des dämonisierten germanischen Werkzeugkastens. Der hatte sich schon oft bewährt, z.B. bei der Ansage an die Kinder, nicht allein in den dunklen Wald zu gehen, um nicht vom bösen Wolf (Wodan) oder von der dämonischen Hexe mit ihrer schwarzen Katze (Frigg alias Holle) gefressen zu werden. Der Nachtkrabb verweist auf Hugin und Munin, die beiden Raben des germanischen Göttervaters. Die „Krawwelkatz“ lässt an die Hexen (und Druden bzw. Albdruden) denken, die als Gestaltwandler nachts gerne auch als Katzen – oder eben Raben – unterwegs zu ihren Opfern waren. Der Butzemann schließlich verweist auf einen alten Korndämon, der zuvor irgendwann einmal eine Vegetationsgottheit gewesen war.

Alles in allem sehen wir hier eine christliche Perspektive, die – vielleicht mit der guten Absicht, Kinder sicher im Haus zu halten, Kindern Angst machte. Das Gruselpersonal rekrutierte sich aus vorchristlichen Gottheiten, die zu Dämonen abgesunken waren.

Nicht alles, was gut gemeint ist, ist auch gut gemacht. Das ist das, was einem hierzu einfallen kann.

VOL.AT (Vorarlberg Online), 2024