06 Gene und Meme

Quelle: Max Planck Gesellschaft / Michelle O´Reilly

Migration und Wanderungsbewegungen sind keine Phänomene der Neuzeit: Seit der Mensch den aufrechten Gang beherrschte, trieb es ihn aus seiner Heimat Afrika in die ganze Welt. Der Paläoanthropologe Johannes Krause (Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte) und der Journalist Thomas Trappe zeigen in ihrem 2020 erschienenen Buch “Die Reise unserer Gene”: Ohne Einwanderer wäre Europa gar nicht denkbar.

Heute wissen wir, dass sich der „moderne Mensch“ bereits vor etwa 300.000 Jahren über den gesamten afrikanischen Kontinent ausgebreitet hat. Die Menschheit entsteht also durch frühe Wanderungsbewegungen und eine komplexe Evolution auf dem ganzen afrikanischen Kontinent. Durch ein soziales Netzwerk werden Gene und Kulturtechniken über große Distanzen hinweg weitergegeben.

Vor 40.000 Jahren kam Homo Sapiens in Europa an – mit vielen Kulturtechniken im Gepäck. Für das Buch “Elwedritsche – Dunkle Gefährten” sind Funde auf der Schwäbischen Alb aus diesem Zeitraum interessant, etwa die “Venus vom Hohlefels” oder der “Löwenmensch” vom Hohlenstein-Stadel. Beide zeigen uns lange vor den Wanderungen der Indoeuropäer, wie komplex die Gesellschaften der Jäger und Sammler in dieser Zeit waren – und wie sie ihre Ängste zähmten.

Das Buch zeigt, wie sich in der Menschheitsgeschichte Gene immer wieder mischten und Neues hervorbrachten. Seit neue Techniken es möglich machten, DNA aus Skeletten zu extrahieren und ihre “Daten” zu lesen, hat die Wissenschaft Sprünge gemacht, die weit über die Genetik hinausgehen. Das betrifft auch Anthropologie, Archäologie, Geschichte und Linguistik. Interessant an dem Thema ist der Zusammenhang von “Genen” und “Memen”.

Wikipedia schreibt: Ein “Mem” ist Gegenstand der Memtheorie und bezeichnet dem Urheber der Memtheorie Richard Dawkins zufolge ein im Gehirn gespeichertes, ins Bewusstsein rufbares Informationsmuster, zum Beispiel einen Gedanken, aber nicht bloße Wahrnehmungen oder Gefühle (als Wahrnehmen bzw. Fühlen). Es kann durch Kommunikation weitergegeben und über den Prozess der Imitation internalisiert werden, damit vervielfältigt und so soziokulturell auf ähnliche Weise perpetuiert werden, wie Gene auf biologischem Wege vererbbar sind. Ganz entsprechend unterliegen Meme damit einer soziokulturellen Evolution, die weitgehend mit denselben Theorien beschrieben werden kann.

Was vererbbar ist, kann also weitergegeben werden – durch Raum und Zeit. Also können wir heute Märchen erzählen, die vor vielen tausend Jahren in Mesopotamien entstanden sind. Vielleicht sind sie ja sogar noch älter. Und wir können uns von Europa aus durch Raum und Zeit rückwärts bewegen, um zu klären, was Elwedritsche wirklich sind.

Quelle: Da Silva / Tehrani 2016

In der Studie “Comparative phylogenetic analyses uncover the ancient roots of Indo-European folktales” (S. Graca da Silva und J.J. Tehrani, erschienen 2016) gelingt es Wissenschaftlern erstmals, mit modernen Methoden den Ursprung von Märchen bis in die indoeuropäische Frühzeit zurückzuverfolgen.

Erst seit wenigen Jahren versucht man nun, mit neuen – von der Biologie übernommenen – quantitativen Methoden, kulturübergreifende Textbeziehungen zu identifizieren. Mit dieser “phylogenetischen Methode” lassen sich Verwandtschaftsverhältnisse und Entwicklungen nachzeichnen. Die Geschichten mit ihren Protagonisten und Handlungen sind gewissermaßen das “genetische” Material für den Blick in die Vergangenheit. Vorab identifizierten die Forscher das Vorkommen der Erzählungen in 50 indoeuropäischen Sprachen. Um eindeutige Spuren der Abstammung zu finden, verwendeten sie bereits existierende Stammbäume der indoeuropäischen Sprachentwicklung.

Auf der Basis dieser Daten ermittelten die Forscher mit statistischen Verfahren die Abstammungslinien der Geschichtstypen und erstellten einen Stammbaum. Bei 100 der 275 Prototypen fanden sie signifikante Parallelen mit der sprachlichen Entwicklungsgeschichte. Demnach muss es einen großen Teil der Märchen schon lange vor ihrer schriftlichen Aufzeichnung gegeben haben.

Mit der neuen Methode lassen sich ihre Wurzeln bis zur Entstehung der großen indoeuropäischen Sprachgruppen zurückdatieren – die sich im Zeitraum von vor 6.500 bis vor 2.500 Jahren gebildet haben. Es könnte sie laut den Forschern sogar schon in der letzten gemeinsamen indoeuropäischen Sprache gegeben habe.

Einige Erkenntnisse aus der Studie sind in einer Betrachtung des Stoffes „Rumpelstilzkin – The Supernatural Helper“ in einem Video zusammengestellt. Dieses kann man sich hier ansehen.

Für das Buch “Elwedritsche – Dunkle Gefährten” ist diese aktuelle Studie relevant, weil sie zeigt, wie sich kulturelle Muster (dazu zählen auch Märchen) mit den ersten Indoeuropäern im fruchtbaren Halbmond über tausende von Jahren räumlich bewegt haben, so dass noch heute Großeltern ihren Enkelinnen und Enkeln diese Geschichten erzählen können. Ein anderes Beispiel ist der germanische Weltenbaum „Yggdrasil“, dessen kulturhistorische Wurzeln im „Heiligen Baum von Eridu“ bei den Sumerern liegen könnten. In dieser Weise – so die These des Buches – lässt sich auch das kulturelle Muster “Elwedritsche” bis in die indoeuropäische Frühzeit zurückverfolgen. Klicken Sie hier, um zur Quelle (englisch) zu gelangen.

In einem kurzen Interview mit „The Guardian“ erklärt Prof. Richard Dawkins das Konzept der Memetik im Jahr 2013: