04 Elwedritsche – Was sie wirklich sind

Von Michael Werner (2024)

Die Elwedritsch – auch Elwetrittche, Elbedritsch, Ilwedritsch; in der Mehrzahl Elwedritsche(n) – ist ein imaginäres vogelähnliches Geschöpf, von dem in Südwestdeutschland (und hier vor allem in der Pfalz und angrenzenden Regionen) berichtet wird. Das Verbreitungsgebiet ist im Wesentlichen deckungsgleich mit der historischen Kurpfalz. Mit Auswanderern gelangte der Glaube an die Existenz von Elwedritschen im 18. Jahrhundert auch nach Osteuropa und Nordamerika (Pennsylvania) sowie im 19. Jahrhundert nach Südamerika (Brasilien).

Die Elwedritsch ist als lokale Ausprägung zu vergleichbaren imaginären Geschöpfen anderer Regionen anzusehen (vgl. Wolpertinger).

Wie die Elwedritsch aussieht

Elwedritsche werden als im weitesten Sinne hühnerähnlich beschrieben. Sie sollen flugunfähig sein und werden oft mit langem Schnabel abgebildet. In Pennsylvania zeigen Darstellungen oft einen katzenartigen Kopf. Manchmal haben sie in Abbildungen auch ein Hirschgeweih, oft sechs Beine. Den Darstellungen gemein ist, dass Elwedritsche Bestandteile verschiedener Tiere in sich vereinen.

Warum die Elwedritsch entstanden ist

In früheren Zeiten hatten die Menschen Angst vor der Nacht. Sie war dunkel und unheimlich. Geräusche und Bewegungen wurden aufmerksam verfolgt, denn es konnte Gefahr drohen. Auch starben viele Menschen während der Nacht – Alte an Herzinfarkten, Säuglinge an plötzlichem Kindstod, Schwangere und Wöchnerinnen. In dieser Situation beobachteten manche Menschen an sich selbst ein Phänomen, das man heute „Schlafparalyse“ (Schlaflähmung) nennt. Schlafende sind bewegungsunfähig – hierbei handelt es sich um einen Schutzmechanismus der Evolution. Die Schlafparalyse entsteht, wenn Betroffene im Aufwachprozess zu früh das Bewusstsein erlangen und damit die Lähmung bewusst wahrnehmen. Dies wird als Kontrollverlust empfunden. Während einer Schlafparalyse sind die Augen geöffnet. Schlafende können nur ihre Atmung kontrollieren und nicht sprechen. Häufig nehmen sie auch Geräusche oder Bilder wahr und haben bisweilen das Gefühl, jemand Fremdes sei im Raum. Betroffene berichten in diesem Zusammenhang von Ängsten und Schmerzen. Erste Symptome einer Schlafparalyse treten meist in der Kindheit oder Jugend auf, nehmen jedoch mit voranschreitendem Alter ab. Während in früheren Zeiten ein Druckdämon verantwortlich gemacht wurde, sprechen Kinder heute eher von „Monstern unter dem Bett“, Erwachsene verweisen in seltenen Ausnahmefällen auf eine „Entführung durch Aliens“. Um die Angst zu bearbeiten und zu verarbeiten, wurde sie externalisiert – das heißt, sie wurde einem Dämon zugeschrieben, der für das alle verantwortlich sein sollte. Die Vorstellung war, dass sich „nächtlicher Druckdämon“ sich auf die Brust von Schlafenden setzt und ihnen die Luft zum Atmen nimmt. Im deutschen Sprachraum gaben die Menschen ihm unterschiedliche Namen: Mahr, Nachtmahr, Alb, Drude, Albdrude, Druddekopp, Trotterkopf, Schrettele und andere mehr. Dieses Phänomen tritt weltweit auf, so dass auch überall auf der Welt unterschiedliche Angstverarbeitungsstrategien nachweisbar sind. In vielen Fällen entstand ein Dämon.

Wie die Elwedritsch entstanden ist

Urängste wie der Kontrollverlust während des Schlafes können bearbeitet werden, indem man dem vermeintlichen Dämon zunächst einen Namen und eine Gestalt zuweist. Ist dies vollzogen, wird der Dämon „geschrumpft“, was sich menschlichen Gesellschaften unbewusst und über einen langen Zeitraum vollzieht. Im Fall der Elwedritsche geschah dies einerseits, indem die Menschen den Begriff „Albdrude“ über Zwischenformen wie „Albdrudche“ und „Elbentrötsch“ schließlich zu „Elbedritsch“ und „Elwedritsch“ sprachlich miniaturisierten. Dies geschah möglicherweise unter Einwirkung des – wie im Falle der Drude mindestens seit dem ausgehenden Mittelalter bekannten – Begriffs „Drutschel“ (bzw. „Drütschel“), der sowohl „unansehnliche Frau“ als auch „kleines Kind“ (dann als Kosewort) bedeuten kann. Ein alternativer Weg von pfälzisch „Albdricke“ (Albdrücken) führte von „Albdruck“ über  „Albdrickche“ und „Albedrickche“ bzw. „Albedrickelche“ letztlich zum selben Ergebnis. Andererseits wurde die übermächtige Gestalt selbst verkleinert, indem man den Dämon auf einen hühnerartigen Vogel reduzierte. Bei alldem kann ein zusätzlicher semantischer Einfluss von fhnd. „albern“ („vernunftlos handeln“, 16. Jh.) im Transformationsprozess nicht ausgeschlossen werden.

Die Abspaltung der Elwedritsch von der Albdrude hat sich zeitlich vermutlich im 15. oder 16. Jahrhundert vollzogen. Als die Auswanderer Anfang des 18. Jahrhunderts in Pennsylvania ankamen, war die Elwedritsch bereits auf Hühnergröße geschrumpft und im „kulturellen Reisegepäck“. Die Angst vor der Albdrude bestand in sehr ländlichen Regionen (z.B. im Pennsylvania Dutch Country in der Bezeichnung “Druddekopp”) parallel bis ins 20. Jahrhundert hinein weiter.

Warum die Elwedritsch aussieht, wie sie aussieht

Die Fähigkeit einer sich wandelnden Gestalt wird deutlich gemacht, indem das auf diese Weise entstandene Wesen Körperteile verschiedener Tiere in sich vereinigt: Schwimmfüße von Enten sowie Flügel von Vögeln. Die Botschaft heißt hier: Der Dämon kann laufen, fliegen und schwimmen – damit ist er kaum aufzuhalten. Der Aspekt einer unendlich hohen Geschwindigkeit, mit der sich die Elwedritsch bewegen kann und sie für Menschen letztlich unsichtbar macht, wird oft durch die Abbildung von sechs Beinen dargestellt. Schon in germanischer Zeit wurde Wodans (im Nordischen: Odin) Fähigkeit, unendlich schnell reisen zu können und damit allumfassend und allgegenwärtig zu sein, unter anderem durch die acht Beine seines Pferdes “Sleipnir” visualisiert.

Wohin die Elwedritsch verjagt wurde

Schlussendlich wurde das nun „lächerliche“ Geschöpf in Bereiche verbannt, die fern vom Wirkungsbereich der Menschen entfernt waren: In den Wald, in die Nacht, in die winterliche Kälte. Dort, in den Randbereichen der menschlichen Existenz, fand sie ihre Nische.

Wie die Elwedritsch dauerhaft abgewehrt wird

Abwehrmaßnahmen gegen Dämonen auf dem Bauernhof erfolgten weit überwiegend unter Nutzung von Symbolen. Diese wurden über Fenstern und Türen angebracht, um das Böse am Eindringen zu hindern. Die Vorstellung war, dass Symbole wie ein Hexagramm (Hexafoil) oder ein „Drudenfuß“ (Pentagramm), die keinen Anfang und kein Ende haben und damit „unendlich“ und „perfekt“ sind, das Dämonische („Unperfekte“) abhalten kann. Das Böse sollte sich in der unendlichen Linienstruktur wie in einem Spinnennetz verfangen. Nur in wenigen Fällen sind z.B. in Pennsylvania bildliche Darstellungen von Albdruden überliefert. Diese finden sich dann im Umfeld von Getreidespeichern oder direkt an Fruchtkammertüren und stellen Sonderfälle dar. Man erwartete hiervon am wichtigsten Gut der Bauersfamilie – Ernte und Vorräten – eine besonders apotropäische (abwehrende) Wirkung. Die Darstellungen zeigen die Gestaltwandlerin mit Flügeln, Klauen und Hörnern. Beim Kopf gibt es sowohl vogelartige als auch katzenartige Versionen. Bei diesen eher selten dokumentierten Fällen soll der Dämon durch sich selbst abgehalten – das Böse also mit dem Bösen vertrieben – werden.

Warum die Elwedritsch auch gejagt wird

Der Brauch der Elwedritsche-Jagd hat seine Wurzeln im sogenannten „Trotterkopf“-Spruch („Druddekopp-Schpruch“). Hierbei handelt es sich um eine alte magische Beschwörungsformel, die helfen sollte, Druden (Hexen) zu bannen. Sie entspringt der Tradition des Gesundbetens, das in den südlichen Regionen Deutschlands „Braucherei“ genannt wurde. Mit Worten, Kräutern und Gegenständen (oft Seilen) wurden Kranke behandelt und Schutzhandlungen durchgeführt. Im Trotterkopf-Spruch erhielt der Dämon Aufgaben zugewiesen, die ihn lange Zeit in Anspruch nehmen und räumlich in weit entfernte Länder führen sollte. Letztlich wurde er vor fast unlösbare Aufgaben gestellt und damit zumindest für eine längere Zeit gebannt. Auch bei der Elwedritsche-Jagd werden unlösbare Aufgaben verteilt. Ein Unwissender soll, ausgestattet mit Sack und Laterne, auf einer Lichtung stehend Elwedritsche fangen, die es nicht gibt. So wird der mit dem Brauch nicht Vertraute ebenfalls – zumindest für einen längeren Zeitraum – gebannt. Die Jagd stellt gleichsam eine Umkehr der Machtsituation dar: War es zuvor die Albdrude, die einen während der Nacht heimsuchte, wird die Elwedritsch jetzt von den Menschen gejagt. Durch all die beschriebenen Mechanismen – Namensgebung, Gestaltgebung, Miniaturisierung plus Jagd – wird die Urangst vor dem absoluten Kontrollverlust während des Schlafes gebannt. Am Ende steht Kontrollgewinn, was zu einer Verbesserung der Lebenssituation der Menschen beiträgt.

Was Tritschologie ist

Aus der Unkenntnis der kulturhistorischen Zusammenhänge entstand im Verlauf des 20. Jahrhunderts die sehr vergnügliche pseudo-wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema „Elwedritsche“, die “Tritschologie” genannt wird. Allerlei vermeintliche Entstehungsgeschichten wurden erfunden, die imaginäre Spezies des geheimnisvollen Tiers liebevoll beschrieben und um immer weitere Varianten erweitert. Im Grunde handelt es sich hierbei um eine Fortsetzung des Prozesses, der sich mit dem Übergang von der Albdrude zur Elwedritsch vollzogen hat. Das Unbekannte macht Angst. Deshalb sollen erfundene Geschichten das Unerklärliche letztlich erklärbar machen – auch wenn hier jeder tritschologische Ansatz letztlich scheitern muss. Tritschologie ist Tritschologie – und Wissenschaft ist Wissenschaft. Der Satz “Tritschologie ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit Elwedritsche”, den man manchmal liest, ist aber schlicht falsch. Die Technik der Elwedritsche-Jagd ist immer weiter verfeinert worden. Heute spielt in vielen Fällen der Genuss von Alkohol eine Rolle, was wiederum gut zum wirklichen kulturhistorischen Hintergrund passt. Geht es doch darum, die Urangst vor der Nacht und dem Kontrollverlust während des Schlafes aktiv zu verarbeiten.

In der Pfalz kann man den Elwedritschen auf die Spur kommen. Besonders bekannt sind der “Elwetritsche-Brunnen” in Neustadt an der Weinstraße und der “Elwetritsche-Weg” (Wanderweg) im Dahner Felsenland. Vermeintliche Elwedritsch-Gehege sind in den Zoos von Landau und Kaiserslautern zu sehen. Das Pfalzmuseum für Naturkunde in Bad Dürkheim zeigt seinen Gästen in einer Vitrine eine präparierte Elwedritsch.

Warum man das Elwedritsch-Phänomen in einem europäischen Kontext sehen muss

Das deutsche Wort „(Nacht-)Mahr“ findet sich überall in Europa: In Frankreich als „cauchemar“ (Albtraum), in England als „nightmare“ (Albtraum) und im slawischen Raum als „Mora“. Es liegt nahe, dass eine sprachliche Verwandtschaft besteht, die auch eine kulturelle Verwandtschaft umfasst. Dafür spricht, dass sich auf „erfolglose Spaßjagden“ überall in Europa nachweisen lassen. Nachgewiesen sind humorvolle „Mora/Mara-Fänge“ im Slawischen sowie Jagden auf die „Gatta Mora“ (Italien), den „Dahu“ (Frankreich) und den „Gamusinos“ (Spanien, Portugal). Es finden sich auch überall dieselben Abwehrsymbole und ähnliche Bannsprüche. Was im germanischen, slawischen und romanischen Raum bekannt ist, könnte sich im Rahmen des Kulturaustauschs zwischen diesen Gruppen verbreitet haben – möglicherweise in der Eisenzeit im ersten Jahrtausend vor Christus. Man muss aufgrund einer nur lückenhaften Belegkette auch einkalkulieren, dass all diese kulturellen Muster unabhängig voneinander entstanden sind und sie nichts miteinander zu tun haben. Dies ist aber aufgrund der vorhandenen Indizien nur wenig wahrscheinlich.

Warum man das Elwedritsch-Phänomen auch in einem indoeuropäischen Kontext sehen kann

Die Vorstellung eines nächtlichen „Druckdämons“ (Schlafparalyse-Dämon), der sich auf die Brust des Schlafenden setzt und Atemnot sowie Panik erzeugt, ist in fast allen indoeuropäischen Kulturen mit auffallend ähnlichen Namen und Merkmalen belegt. Die Indoeuropäer sind Menschen, deren ursprüngliche Heimat südlich des Kaukasus und im nördlichen Iran verortet wird. Von dort aus breiteten sie sich im Rahmen der Sesshaftwerdung (Neolithische Revolution) vor etwa 8000 Jahren nach Westen (Europa) und Osten (Indien) aus. Deshalb besteht heute zwischen 445 indoeuropäischen Sprachen eine Verwandtschaft, die sich in Ähnlichkeiten in Wortschatz und Grammatik ausdrückt.

Die indoeuropäische Linguistik hat eine proto-indoeuropäische weibliche Dämonin *mór-eh₂ / *mr̥-h₂ „die Quälerin, die Erdrückende“ identifiziert und verortet ihren Ursprung in der indoeuropäischen Yamnaya-Kultur (ca. 3300-2600 v. Chr.). Die Ähnlichkeiten mit „Mora“ bzw. „Mahr“ sind evident. Folgt man diesem Indiz, so kann man die Entstehung der Elwedritsch auch in einem indoeuropäischen Kontext sehen. Damit würden ihre Ursprünge im Kontext der Sesshaftwerdung liegen, als es erstmals wichtig wurde, das eigene Heim dauerhaft gegen den nächtlichen Einfluss des Bösen zu schützen. Wichtig ist, dass bei dieser Perspektive nur noch mit Indizien argumentiert werden kann. Eine lückenlose Belegkette wird nicht zu finden sein. Damit ist ein Nachweis im wissenschaftlichen Sinn auch nicht möglich. Weil die Geschichte aber mit Argumenten plausibel erzählt werden kann, soll sie hier im Folgenden auch dargestellt werden.

Warum der Stammbaum der Elwedritsch vielleicht 8000 Jahre zurückreicht: Eine mögliche Geschichte

Beim Glaube an Elwedritsche handelt es sich um ein kulturelles Muster, dessen Wurzeln in der Zeit der Neolithischen Revolution liegen könnten. Der Prozess, in dessen Verlauf aus Jägern und Sammlern über einen längeren Zeitraum hinweg Bauern und Viehhirten wurden, vollzog sich räumlich zuerst im „fruchtbaren Halbmond“ Vorderasiens zwischen 9500 und 7000 vor Christus. Die Wurzeln der Indoeuropäer reichen bis etwa 6000 v. Chr. zurück. Mit der sesshaften Lebensweise entstanden neue Anforderungen: der Schutz des Eigentums und die Sicherung des eigenen Lebens gegen schädliche äußere Einflüsse wie Hunger, Krankheiten und Tod an einem konstanten Ort. Während der erste Aspekt zum Entstehen des Patriarchats beitrug, begünstigte der zweite Aspekt das Entstehen von differenzierten Götterwelten. Für jede Unbill des Lebens wurden andere Gottheiten angebetet und durch Opfergaben gnädig gestimmt. In den späteren Kulturen der Babylonier, Sumerer und Assyrer lassen sich Nachweise hierfür finden. Gleichzeitig gingen die Menschen davon aus, dass Handlungen und Worte eine magische Wirkung entfalten konnten, was zum Glauben an Schutz- und Schadzauber führte. Spuren davon finden sich auch in christlichen, jüdischen und islamischen Texten.

In diesem Kontext ist die spezielle Absicherung des eigenen Hauses und der Schlafstätten gegen schädliche äußere Einflüsse während der Nacht zu sehen, wenn die Menschen schliefen. Von den Gottheiten glaubte man, dass sie zur Strafe eines Menschen selbst oder durch von ihnen geschickte Boten als Gestaltwandler in die Schlafstuben gelangen konnten – sei es geflügelt durchs Fenster, als Nebelhauch durch Türritzen oder auch als Feder von der Decke schwebend. Auf dem Bett, so der Glaube, hockten sie sich auf die Brust eines Schlafenden und drückten ihn – das Ergebnis konnte ein Albtraum sein, im schlimmsten Fall jedoch auch der Tod. Manche sehen die sumerische Dämonin Lilith, deren volksetymologische Namensdeutung „die Nächtliche“ bedeutet, als Verantwortliche für nächtliche Herzinfarkte und plötzlichen Kindstod. Andere sehen eine Verbindung zur sumerischen Muttergöttin Lamashtu. Verbindungen gibt es auch zum mesopotamischen Dämon Alû. Vermutlich hatte das Phänomen mehrere Wurzeln. Man sicherte sich ab, indem man bestimmte Symbole an Betten, Türen und Fenster malte und abwehrende Beschwörungsformeln aufsagte.

Der Glaube an strafende Gottheiten oder deren schädigende Abgesandte verbreitete sich mit den Wanderungsbewegungen der indoeuropäischen Völker ab etwa 6000 v. Chr. ausgehend von einer Region im fruchtbaren Halbmond (heute im nördlichen Iran gelegen) nach Westen in Richtung Europa und nach Osten in Richtung Indien.

In der Eisenzeit – in Mittel- und Nordeuropa etwa zwischen 750 v. Chr. und dem Jahr 0 – manifestierte sich das hier beschriebene kulturelle Muster bei den germanischen Stämmen im Glauben an eine Götterwelt, in der die Götter ebenfalls Strafen an Menschen vollzogen, die die geltenden Regeln missachteten. Sie konnten selbst als Gestaltwandler jede Form annehmen, durch die Luft fliegen und als Nebelhauch durch die kleinsten Ritzen gelangen. Sie konnten aber auch sogenannte Dunkelalben aus dem Wurzelwerk des germanischen Weltenbaums „Yggdrasil“ beauftragen, diese Aufgabe zu erfüllen. Gottheiten wie Alben hockten sich auf schlafende Menschen und drückten sie, so dass sie keine Luft mehr bekamen.

Mit der Christianisierung der Germanen zwischen dem 4. Jahrhundert und der Zeit Karls des Großen im 8. Jahrhundert trat der Glauben an Alben sukzessive in den Hintergrund. Die Albträume jedoch blieben. Im Verlauf der nachfolgenden Jahrhunderte entwickelte sich aus der ursprünglichen Gottesstrafe ein Menschenfluch. Jetzt sollten Mitglieder des Dorfes – meist Menschen, die am Rande der Gesellschaft standen und besonders oft Frauen – für nächtliche Albträume verantwortlich sein. Der Glaube an hexenartige Wesen breitete sich aus, die der Volksmund „Trut/Drud“ (männlich) bzw. „Trude/Drude“ (weiblich) nannte. Auch sie sollten gestaltwandelnd zu ihren Opfern gelangen, durch die Luft fliegen und durch Ritzen des Hauses zu ihren Opfern gelangen, um sie zu schädigen. Symbole wie Pentagramme und Hexagramme sowie Beschwörungsformeln sollten sie abhalten.

Während dem Volksglauben nach Hexen sich willentlich dem Teufel ergeben hatten und deshalb nicht erlöst werden konnten, wurden Menschen zum Beispiel durch Missgeschicke wie einem Versprecher des Pfarrers bei der Taufe zur Drude. Deshalb konnte die Drude erlöst werden, zum Beispiel indem man ihr ein Huhn übergab, das sie totdrücken konnte. Der Höhepunkt der Hexenverfolgungen lag in Europa in den Jahren zwischen 1550 und 1650.

Über viele Generationen entwickelte sich aus dem älteren Glauben an Alben und dem jüngeren Glauben an Druden in den Regionen entlang des Rheins letztlich neben den Begriffen „Albdruck“ bzw. „Albdrücken“ auch das Wort „Albdrude“ (in der Schweiz und Österreich wie auch in Norddeutschland oft „Mahr“ bzw. „Nachtmahr“ genannt, vgl. engl. „nightmare“). Ein entsprechender weiblicher Vorname („alb“ = weiß, „trud“ = stark) ist in frühen Urkunden des Klosters Weissenburg (Elsass) in den Varianten „Albthruda“ (774 n. Chr.) und „Albdrud“ (788 n. Chr.) belegt. Der Begriff „Alptrude“ findet ab dem 19. Jahrhundert auch in literarischen Texten, etwa im „Deutschen Sagenbuch“ (1853) von Ludwig Bechstein. Im Pfälzischen Wörterbuch sind die Einträge „Albdricke“ bzw. „Alwedricke“ vermerkt.

Zusätzlich stimuliert wurde diese Entwicklung möglicherweise durch die Gründung jüdischer Gemeinden ab dem 10. Jahrhundert in Mainz, Worms und Speyer (SchUM-Städte). Lilith spielte auch hier in Verbindung mit Toden von Säuglingen eine Rolle. Man schützte sich vor dem Dämon mit Symbolen, Amuletten und Sprüchen. In einigen Gemeinden erreichte der Anteil jüdischer Mitbürger im 19. Jahrundert sogar fast 30%. Insgesamt lag die Quote mit 2% – 4% deutlich höher als in den meisten Gegenden des Deutschen Reiches. Christliche und jüdische Nachbarn fürchteten sich vor demselben schädigenden Einfluss und pflegten Abwehrmaßnahmen. Man darf hier aber auch nicht die Augen vor einer anderen Deutungsmöglichkeit verschließen: Dem Einfluss der antisemitischen Ritualmordlegende. Der auch als „Blutanklage“ bekannte Vorwurf entstand im Mittelalter und wurde von der Kirche verbreitet. Die ersten bekannten Vorwürfe stammen aus dem 12. Jahrhundert in England. Die Legenden behaupteten, dass Juden insbesondere während des Pessachfestes christliche Kinder entführten und ermordeten, um deren Blut für die Zubereitung von Matzen zu verwenden. Die Behauptungen waren falsch, grausam und führten zu massiven Gewalttaten gegen jüdische Gemeinschaften. Die Ritualmordlegende führte zu Pogromen und Verfolgungen ebenso wie zur Verbannung – also dem Ausschluss und der Vertreibung – von Juden aus den städtischen bzw. dörflichen Gemeinschaften. Nun muss zusätzlich berücksichtigt werden, dass der klassische Judenhut des Mittelalters nach Pestereignissen im 14. Jahrhundert zum Stigma wurde und sich ikonographisch zum Erkennungszeichen z.B. von Zauberern entwickelte. Von hier war es nur noch ein kleiner Schritt zum heute bekannten spitzen Hexenhut. Dies alles wirft noch einmal ein anderes Licht auf das Thema Elwedritsche: Möglicherweise entstand die Elwedritsch nicht als gemeinschaftliches Abwehrverhalten von christlichen und jüdischen Nachbarn im Rheintal, sondern unter Einfluss des Judentums als christliches Abwehrverhalten, welches das Böse aus der Dorfgemeinschaft verbannen wollte. In dieser Interpretation wäre mit der Verbannung der Albdrude bzw. Lilith in Form der Elwedritsch gleichzeitig die Verbannung jüdischer Gemeinden – also des vermeintlich Fremden – aus der örtlichen Gesellschaft mit konnotiert.

„Incubus“ und „Succubus“ sind mit dem Nachtalb verwandte Konzepte, bei denen der erotische Aspekt dominiert. Als „Incubus“ (von lateinisch: incubare für „oben liegen“, „ausbrüten“), wird in der Mythologie ein Albträume verursachender Dämon bezeichnet, der sich nachts mit einer schlafenden Frau paart, ohne dass diese etwas davon bemerkt. Das weibliche Gegenstück wird „Succubus“ Ein Succubus stiehlt unbemerkt den Samen des schlafenden Mannes. Die ältesten Erwähnungen von Phänomenen dieser Art stammen aus Mesopotamien. Bereits im sumerischen Gilgemesch-Epos (entstanden zwischen 2100 und 1600 v. Chr.) tauchen Belege für einen weiblichen Dämon mit Namen „Lilu“ bzw. „Lilutu“ auf. Dieser Dämon steht einerseits für Verführung, andererseits für Krankheit und Tod. Besonders Schwangere und Frauen im Wochenbett sind gefährdet, weil die ungeborenen bzw. gerade geborenen Kinder das Ziel der Angriffe sind. Die ebenfalls in Mesopotamien beheimatete „Lamashtu“ (ca. 2000 – 1600 v. Chr.) agierte als Gefährderin von Schwangeren, Wöchnerinnen und Säuglingen. Sie tötete Kinder, sobald sie ihrer habhaft wurde.

Einordnung

Elwedritsche waren – jedenfalls ursprünglich – keine Fabeltiere oder fantastische Tierwesen. Zu Letzterem haben sie sich erst seit der Veröffentlichung der Harry-Potter-Bücher entwickelt (vgl. J.K. Rowling: „Phantastische Tierwesen & wo sie zu finden sind, 2001). Dieses Faktum ist ein Argument dafür, dass dieses kulturelle Muster auch heute einem ständigen Wandel unterliegt. Ursprünglich jedoch waren Elwedritsche “Personifikationen vom Menschen gebändigter Urängste“, die in den Wald verbannt worden sind.

Statt von einem „kulturellen Muster“ spricht die Wissenschaft auch von einem „Mem“. Hierbei handelt es sich um ein im Gehirn gespeichertes, ins Bewusstsein rufbares Informationsmuster (z.B. ein Gedanke, ein Lied, ein Märchen, ein Brauch). Das Mem kann durch Kommunikation weitergegeben werden – über Generationen hinweg und große Distanzen. Meme unterliegen hierbei einer soziokulturellen Evolution. Im Weitergabeprozess kommt es zu „Mutationen“. Meme teilen sich, verändern sich im Anschluss an verschiedenen Orten in unterschiedlicher Weise und bilden auf diese Weise über die Zeit ein Geflecht von Mustern, bei denen die Verwandtschaft zum Teil nur noch schwer erkennbar ist. So können Elwedritsche im Alpenraum des 16. und 17. Jahrhunderts etwas anderes sein als im Pennsylvania des 18. und 19. Jahrhundert – und in der Pfalz des 20. und 21. Jahrhunderts. Und doch sind sie durch einen gemeinsamen Kern verbunden. Will man zu diesem Kern durchdringen, muss man sich zeitlich und räumlich „rückwärts“ bewegen und damit der indoeuropäischen Migration zu ihrem Ursprung im fruchtbaren Halbmond folgen. Dort ist entstanden, was wir heute als Elwedritsch kennen. Das zugrundeliegende Ur-Mem des Phänomens lautet: „Wie besiege ich die Urangst vor dem Kontrollverlust während des Schlafs?“ Alles, was sich entwickelt hat, ist letztlich eine Antwort auf diese Frage.

Der Elwedritsche Code: Alltagserfahrungen und persönliche Erfahrungen suchen nach einer Erklärung. Erklärungsansatz ist ein „nächtlicher Druckdämon“, der benannt und miniaturisiert wird, um ihn anschließend in den Wald zu verbannen. In einem periodisch wiederkehrenden Ritual prüft man, ob der jetzt harmlose Dämon noch dort ist.

Methodik

Um zu dieser Beweisführung zu gelangen, wurden die Disziplinen Medizin, Psychologie, Linguistik und Volkskunde integrativ miteinander verbunden. Mit Hilfe der Theorie der Memetik, die in diesem Fall linguistisch gesicherte Verwandtschaftsbeziehungen zwischen indoeuropäischen Sprachen auf andere kulturelle Muster überträgt, konnte die Spur der Elwedritsche räumlich und zeitlich zurückverfolgt werden. Dieser psychologisch-memetische Ansatz war der Schlüssel zur Lösung des ewigen Rätsels. Die wesentlichen Punkte seien abschließend nochmal gelistet:

  1. Elwedritsche sind kein reines Fabelwesen, sondern die kulturelle Manifestation universeller Urängste – insbesondere der Schlafparalyse.
  2. Die Erklärung verbindet neurophysiologische Beschwerden (z.B. Lähmung, Druck im Brustbereich) mit kognitiven Mechanismen wie Agentendetektion und Projektion, so dass Menschen Empfindungen dieser Art als „bewusst erfassbares Wesen“ deuten.
  3. In einem kulturellen Transformationsprozess wurde der Dämon geschrumpft und in einen Bereich verbannt, der nicht den Menschen zugeordnet war (hier: in den Wald).
  4. Bei der Beweisführung wird ein memetisches Modell angewandt: Mit den Wanderungsbewegungen der Indoeuropäer breiteten sich Sprache und kulturelle Muster („Meme“) vom nördlichen Iran nach Westen und Osten aus. Damit bewegte sich auch die Vorstellung von nächtlichen Druckdämonen durch Raum und Zeit. Die kulturellen Muster – Meme – veränderten sich, variierten, wurden selektiert und stabilisierten sich durch Einführung mit ihnen verbundener Bräuche und Rituale. (Wichtig: Dieser Teilaspekt ist aufgrund seiner Komplexität und der aufgrund des langen Zeitraums auch notwendig langen Belegkette kaum wissenschaftlich zu validieren. Er bleibt eine plausible Hypothese – nicht mehr, aber auch nicht weniger).

Abschließend sei erwähnt, dass es als Beweis Ansatzes „Elwedritsch = Nachfahrin eines nächtlichen Druckdämons“ sogar ein „smoking gun“ gibt, das heißt einen schriftlichen Quellenbeleg, der die Elwedritsche eindeutig als gefährliche Wesen charakterisiert, die in der Nacht zur Gefahr werden. Die Zitate finden sich im „Wörterbuch der banaterdeutschen Mundarten“ auf Seite 240-241. Die Belege des Wörterbuches mit dieser auslandspfälzischen Auswanderermundart wurden zwischen 1957 und 1985 gesammelt und damit in einer Zeit, in der Elwedritsche in der Pfalz schon lange als lustiges Fabelwesen betrachtet wurden. Wie in Pennsylvania bei den Pennsylvania-Deutschen hat sich bei den Deutschen im Banat die ursprüngliche Bedeutung der Elwedritsche besser erhalten als in der Pfalz selbst. Hier wird deutlich, dass nicht Menschen Elwedritsche jagen. Im Banat jagen noch immer Elwedritsche Menschen:

"Geh nor ne schlofe, glei kumme die Elbetrische." 
"Chinder hen Ängschter vor de Dilbekritsche."
"Gib Obacht, die Elbetritsche krien dich."
"Du aldi Elbetrisch" (Bed. "du alde Hex")

(Wörterbuch der banaterdeutschen Mundarten,
Bd. 2, D-F, München 2020, S. 240-241)

Ober-Olm, 25. November 2024

Zum Weiterlesen:

Die Kurzpräsentation (Klicken Sie auf die Grafik)
Das Erklärvideo (Klicken Sie auf die Grafik)

Podcast 1: Vom Dämon der Nacht zum Fabeltier – Der psychologisch-memetische Ansatz

Podcast 2: Die Rolle der indoeuropäischen Migrations- und Sprachgeschichte bei der Entstehung der Elwedritsche

Podcast 3: Die Bedeutung der SchUM-Städte und der jüdischen Kultur für die Entstehung der Elwedritsche

Podcast 4: Weshalb die Elbedritsche bei den Pennsylvania-Deutschen oft katzenartig aussehen

Podcast 5: Wie der neue psychologisch-memetische Ansatz die bisherige volkskundliche Betrachtung der Elwedritsche ergänzt

Podcast 6: Die Elwedritsche-Jagd – Humor als Werkzeug der Angstverarbeitung

© 2024/25 – Alle Rechte vorbehalten. Eine Nutzung von Zitaten und sinngemäßen inhaltlichen Übernahmen darf – sowohl schriftlich als auch mündlich – nur mit Nennung der vollständigen Quelle erfolgen. Bitte zitieren als:

WERNER, Michael (2024): Elwedritsche – Was sie wirklich sind. In: paelzer-elwedritsche.de. Veröffentlicht am 25. November 2024.