03 Elwedritsch-to-go (Für Eilige)

Ausgangspunkt: Schlafparalyse

Am Beginn steht ein universelles menschliches Erlebnis: die Schlafparalyse als Zustand zwischen Schlaf und Wachsein, in dem der Geist schon wach, der Körper aber gelähmt ist und eine bedrohliche Präsenz erlebt wird. Dieses neurophysiologische Phänomen wird als nächtlicher Dämon gedeutet, der sich „auf die Brust setzt“ und Atemnot, Druckgefühl und Todesangst verursacht.​​

Der erste Schritt: HADD (Hyperactive Agency Detection Device) / Die Erzeugung eines Akteurs

Der psychologisch-memetische Ansatz greift hier den in der Kognitionspsychologie diskutierten Mechanismus der „Hyperactive Agency Detection“ (HADD) auf: In unklaren, angstbesetzten Situationen konstruiert das Gehirn reflexhaft handelnde Akteure. Aus einem diffusen Präsenzgefühl wird so ein personalisiertes Wesen – zunächst als nächtlicher Druckdämon, der das Schlafparalyse-Erlebnis erklärt. Erstmals greifbar werden Phänomene dieser Art nach Erfindung der Schrift im antiken Mesopotamien. In der Geschichte hat dieser Dämon in den verschiedenen Kulturen unterschiedliche Namen und voneinander abweichende Ausprägungen. Als nächtlicher weiblicher Schadensagent bleibt er aber​​ immer erkennbar. Im deutschen Sprachraum erscheinen in der germanischen Mythologie „Alben“ und im späteren christlichen Kontext „Druden“, die beide über die Zeit im Begriff „Albdrude“ verschmelzen.

Der zweite Schritt: CCT (Compensatory Control Theory) / Die Entwicklung von Abwehrmaßnahmen

CCT geht davon aus, dass Menschen schwer ertragen, wenn die Welt chaotisch und unkontrollierbar wirkt; sie suchen dann nach Strukturen und Mustern, die Ordnung versprechen.​ Im Fall des durch Schlafparalyse entstandenen nächtlichen Druckdämons (z.B. Mahr, Alb, Drude, Albdrude) werden Symbole (Pentagramme, Hexafoils) und Bannrituale (Braucherei-Sprüche wie der Trotterkopf-Spruch bzw. Messerrituale) entwickelt, die den Eindringling abwehren sollen.

Der dritte Schritt: BVT (Benign Violation Theory) / Kulturelle Zähmung des Dämons

Über lange Zeiträume wird diese bedrohliche Figur kulturgeschichtlich „gezähmt“: Mit der Aufklärung verlieren Dämonen erklärende Kraft, die Gestalt wird abgeschwächt und verniedlicht. Das entstandene kulturelle Wesen wird in einen Raum fern ab der Menschen verbannt (hier: in den Wald). Die BVT vertritt die These, dass Humor das entscheidende Werkzeug ist, um Angst zu verarbeiten. In diesem Prozess wird aus privatem Terror in der Schlafstube ein gemeinschaftliches Ritual: Die Elwedritsche-Jagd. Aus dem Opfer (dem Mensch) ist jetzt ein Jäger geworden, aus dem früheren Dämon eine Jagdbeute. Das bedeutet, es findet eine Machtumkehr statt. Die BVT argumentiert, dass sich in diesem Prozess die Version durchsetzt, in der einerseits der frühere gefährliche Kontext noch erahnbar ist, das gemeinschaftliche Ritual sich jedoch eindeutig harmlos präsentiert. Dies ist bei der Elwedritsche-Jagd der Fall – es ist die perfekte Verbindung von Geheimnisvollem und Spaß.

Der evolutionäre Rahmen: DIT (Dual Inheritance Theory / Der Mensch als Wirt – die Elwedritsch als Parasit

Der Aspekt der „Memetik“, der kulturelle Muster als Einheiten versteht, die über Generationen weitergegeben werden und sich dabei verändern, lässt sich gut mit der „Dual Inheritance Theory“ beschreiben, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts enwickelt wurde. Nach ihr entwickeln sich Gene und Kultur gemeinsam in wechselseitiger Abhängigkeit. Die menschliche Fähigkeit, Kultur zu speichern und weiterzugeben, entstand aus genetisch entwickelten psychologischen Mechanismen (z.B. HADD, CCT, BVT). Die Dual-Inheritance Theory postuliert, dass kulturelle Informationen eigenständigen Evolutionsmechanismen unterliegen. Variation entsteht durch Rekombination und kreative Modifikation. Selektion erfolgt über kognitive Präferenzen und soziale Lernmechanismen. Drift tritt bei isolierten Populationen auf.

Dabei besitzen bestimmte kulturelle Muster eine erhöhte Erinnerungswahrscheinlichkeit: Die Elwedritsch ist fast ein Vogel, aber anatomisch inkonsistent. Diese moderate Abweichung vom Erwartbaren macht das Phänomen stabiler. Das kulturelle Muster (auch: Meme) nistet sich erfolgreich in seinem Wirt, dem Menschen, ein.

Die Transmissionswahrscheinlichkeit eines kulturellen Musters steigt, wenn es Kontrollbedürfnisse adressiert. Anders gesagt: Ein kulturelles Muster, das ein evolutionäre Bedürfnis erfüllt, ist besonders persistent. Diese Erkenntnis der DIT ist zentral, weil sie der memetischen Weitergabe durch Generationen eine klare Richtung gibt: Die Selektion ist evolutionär nicht beliebig, sondern folgt Prämissen. Kontrollgewinn spielt in diesem Prozess eine Schlüsselrolle.

Bei der Weitergabe gibt es zwei Alternativen: Conformist Bias führt zur Übernahme mehrheitlich verbreiteter Inhalte, während Prestige Bias die Orientierung an statushohen Modellen begünstigt. Bei der Elwedritsch war „Conformist Bias“ am Werk: Die Elwedritsch fungiert als Identitätssignal innerhalb pfälzischer und pennsylvaniadeutscher Gemeinschaften. Ihre Übernahme signalisiert Gruppenzugehörigkeit.

Insgesamt stellt die Dual Inheritance Theory (DIT) eine Präzisierung des Konzepts der Memetik dar. Memetisch wird die Elwedritsche als „kultureller Überlebensprofi“ beschrieben: Sie ist einprägsam, emotional aufgeladen und eng an soziale Rituale (Jagd, Geschichten, Lokalkolorit) gebunden. Deshalb überlebt dieses kulturelle Muster („Mem“) durch Weitergabe über viele Generationen. Dabei verändert es sich immer wieder, ohne seinen inhaltlichen Kern gänzlich zu verlieren. Humor spielt dabei weiter die Schlüsselrolle – die ursprüngliche Angst wird in gemeinschaftliches Lachen transformiert, was die Weitergabe des Mems über Generationen hinweg besonders effektiv macht.

Zusammengefasst: Wir erkennen Geister (HADD), ordnen sie in unser Weltbild ein, um Kontrolle zu gewinnen (CCT), lachen darüber, um Ängste zu verarbeiten (BVT), und geben das Ganze über Jahrhunderte an unsere Kinder weiter (DIT).

Historische Belege und Entwicklungspfad

Die These ist erklärend (explanativ), indem sie einen Entwicklungspfad vom subjektiven Erleben über die Dämonenvorstellung bis zur Elwedritsche nachzeichnet. Belege aus Auswanderertraditionen (etwa Banat und Pennsylvania) zeigen, dass ältere, bedrohliche Varianten der Gestalt existierten, bevor sich in der Pfalz das heutige, eher niedliche Bild mit Scherzjagden durchsetzte.​

Gesamtlinie der Argumentation

Die wichtigste Argumentationslinie lautet damit: Ein universelles neuropsychologisches Angstphänomen (Schlafparalyse) wird durch Agentendetektion zu einem Dämon, der über Jahrhunderte kulturell entschärft wird und schließlich als Elwedritsche in einer humorvollen, regionalen Form weiterlebt. Die moderne Figur der Elwedritsche ist nach dieser These das memetische Endprodukt eines langen Prozesses der Angstbewältigung, in dem sich eine Gesellschaft ihre Nachtängste in ein identitätsstiftendes, spielerisches Fabelwesen verwandelt.

Der Prozess folgt einer memetischen Kette: Existenzangst → Kontrollverlust → Agentifizierung (Externalisierung) → Ritualisierung (Abwehrmaßnahmen) → Humorvolle Harmlosigkeit (Soziale Reintegration). Das macht die Elwedritsche anpassungsfähig: Von bedrohlichem Dämon zu folkloristischem Symbol, das heute in Tourismus (z. B. Elwedritsche-Brunnen), Pseudowissenschaft („Tritschologie“) und Witzen lebt.

Der Gegenbeweis: Der pennsylvanische Groundhog Day / Anderes Beispiel, gleiches Muster

Auch der pennsylvanisch-deutsche Groundhog Day lässt sich mit dem psychologisch-memetischen Ansatz erklären: Aus einer alten pfälzischen Bauernregel entstand durch memetische Prozesse im 19. Jahrhundert in Pennsylvania ein der Elwedritsche-Jagd vergleichbares Ritual: Groundhog Day. Am 2. Februar wird ein Murmeltier aus dem Bau gezogen und befragt: Sieht es seinen Schatten, bleibt der Winter noch sechs Wochen – sieht es seinen Schatten nicht, kommt das Frühjahr bald. Heute ist das Ritual in Volksfeste und humoristische Festbankette eingebunden. Ausgangspunkt ist die Urangst der bäuerlichen Gesellschaft vor einem langen Winter und Hunger (Auslöser). Die HADD erzeugt einen Agenten (Murmeltier als Wetterorakel). Aufgrund der CCT erzeugt die Gesellschaft Rituale (Befragung des Murmeltiers), und im Laufe der Zeit werden mit von der BVT beschriebenen Prozessen kulturelle Praktiken entwickeln, die das ernste Problem humoristisch verpacken. Auch hier wird mit Lachen Angst verarbeitet. Das bedeutet: Elwedritsche-Jagd und Groundhog Day sind strukturell vergleichbare kulturelle Muster, die sich mit dem gleichen theoretischen Modell beschreiben lassen: dem psychologisch-memetischen Ansatz.

Also funktioniert das „HADD-CCT-BVT“-Modell. Das ist in aller Kürze die „psychologisch-memetische These“ zur Erklärung, was hinter Elwedritschen wirklich steckt. Der Ansatz wurde zwischen 2020 und 2025 entwickelt und ist Grundlage des Buches „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ (2025).

Eine wissenschaftlich korrekte Kurzdefinition lautet demnach: Die Elwedritsche ist ein kognitionspsychologisch erklärbares, memetisch stabiles Kulturphänomen, dessen Ursprung in schlafparalytischen Wahrnehmungserlebnissen liegt. Sie entsteht aus hyperaktiver Agentendetektion (HADD), kompensatorischer Sinnstiftung bei Kontrollverlust (CCT) und der sozialen Attraktivität harmloser Normverletzungen (BVT). Als kulturell verankerte Projektion diffuser, oft nächtlicher Wahrnehmungen fungiert sie zugleich als humorbasiertes Ritualobjekt, das innerhalb der pfälzischen Gemeinschaft Identität, Kohäsion und Traditionsweitergabe unterstützt.

Michael Werner (2025)

Dieser Erklärungsansatz des Elwedritsch-Rätsels fußt auf der Memtheorie (vgl. Rubrik „Gene und Meme“). Ein kulturelles Muster hat meist viele Wurzeln, und indem es sich als Mem über die Generationen durch Raum und Zeit bewegt, auch vielfältige Ausprägungen. Ein gemeinsamer inhaltlicher Kern bleibt aber immer erkennbar. Das hinter den Elwedritsche stehende Ur-Mem lautet: „Wie besiege ich die Urangst vor dem Kontrollverlust während des Schlafs?“

Zum Weiterlesen:

Kurzpräsentation zum schnellen Einstieg (Klicken Sie auf die Grafik)
Kurzes Erklärvideo (Klicken Sie auf die Grafik)