
Dass Geschichte von Männern gemacht wird, ist eine Binse – und dennoch ebenso wahr wie relevant. Es ist ein wenig wie im Geschäftsleben oder im Verein: Wichtig ist, wer das Protokoll eines Meetings schreibt, denn er bestimmt den Duktus des Textes.
Frauen zogen hier in der Geschichte immer den Kürzeren. Beispiel gefällig? Nehmen wir das Alte Testament. Dass das weibliche Geschlecht in dem von Männern verfassten Text besonders gut weggekommen ist, würde niemand behaupten. Und die Gründe liegen auf der Hand: Seit der Umstellung der Lebensweise von Sippen von Jägern und Sammlern zu Bauern und Viehhirten mussten Ressourcen – Äcker und Weiden – verteidigt werden. Es war klug, dass die Söhne eines Stammvaters in der Nähe blieben. Und so hatten die Ehefrauen dieser Söhne eben in die Haushalte ihrer Ehemänner umzuziehen. Das war auch die Geburtsstunde der “bösen Schwiegermutter”.
Was das mit Elwedritschen zu tun hat? In der Bibel gibt es viele Frauenbilder – davon zwei, die sich diametral gegenüberstehen (in der jüdischen Tradition besser erhalten als in der christlichen): Eva und Lilith. Nach jüdischer Lesart war Lilith die erste Frau Adams. Erst als es krachte und Lilith auszog (in die Wüste), erschuf Gott Eva. Und diesmal machte er es – aus Sicht des Patriarchats – besser: Eva ist die Adam untergeordnete, die sich nicht beklagt. Lilith hingegen ist die, die mitbestimmen wollte – auch sexuell. Deshalb musste sie weg. Dann wurde sie verteufelt. Denn sie, die keine Kinder hatte, wurde fortan als Dämonin verunglimpft, die braven Ehefrauen die Säuglinge entreißen wollte – oder die brave Ehefrau als Schwangere bzw. Wöchnerin gleich mit. Ihr Name war Tod, und man versuchte sich in den Familien vor ihr zu schützen: mit Symbolen, Ritualen und Beschwörungsformeln.
Das Motiv war so stark, dass es sich einen Weg durch 2500 Jahre Kulturgeschichte fräste. So landete Lilith im Rheintal in den Städten Mainz, Worms und Speyer. Dorthin kam sie im Mittelalter mit der jüdischen Kulturgeschichte (SchUM-Städte) ebenso wie über den – längeren und komplizierteren – indoeuropäischen Weg, der sich über viele Generationen von Persien nach Europa zog. Und immer in der Geschichte versuchte man sich Lilith vom Leib zu halten oder sich ihrer gleich ganz zu entledigen. Die erfolgreiche Strategie war letzlich simpel: Man machte sich ein Bild von ihr, nannte sie beim Namen, schrumpfte sie gedanklich und jagte sie wortwörtlich “zum Teufel” – in unseren Breiten in Ermangelung einer Wüste in den Pfälzerwald.
Im jüdischen Kontext blieb Lilith all die Zeit Lilith. Im Christentum hatte sich der Name zwischenzeitlich verändert. Hatte man bei den Germanen noch von “Alben” gesprochen, die nächtlich Schlafende quälen und Frauen, Männern und Kindern in der Familie zur Gefahr werden konnten, sprach man ab dem späten Mittelalter von “Druden” bzw. “Albdruden”. Die Verkleinerung des Bösen machte aus der Albdrude die “Elwedritsch” – und so wie die Lilith des Alten Testaments an einen Ort fernab der Gesellschaft entfleuchte, schickte man die Elwedritsch an einen ebenso einsamen Ort: den einsamen und dunklen Forst.
Nach dieser Lesart könnte man eine Elwedritsche-Jagd auch als männlichen Versuch verstehen, vielleicht im Wald im Rahmen einer Jagd eine attraktive, verführerische Alternative zur “besten Ehefrau von allen” (Ephraim Kishon) zu erhaschen. “Es ist vergeblich”, sagt der pfälzer Volksmund. Weil: Eine bessere Frau als die eigene Ehefrau gibt es – natürlich – nicht. So weit, so banal.
So gesehen ist die Elwedritsch natürlich weder ein Fabeltier noch ein fantastisches Tierwesen. Sie ist – im Guten wie im Schlechten – Ausgeburt einer Männerfantasie. Jetzt könnte man das alles vielleicht ertragen, wenn die Zeiten heute andere wären und die alte Geschichte eben genau das: eine Geschichte, die vorbei ist.
Aber das Frauenbild, das heute von rechten Gruppen in westlichen Gesellschaften und autokratischen Herrschern überall in der Welt propagiert wird, geht eben oft in genau diese Richtung. Das Schlimmste ist, dass manche junge Frauen bei dieser Entwicklung auch noch mitmachen. Kennen Sie das Phänomen der “Tradwives”? Das sind Frauen, die sich im 21. Jahrhundert rückbesinnen auf das Frauenbild der Wirtschaftswunderzeit. Sie bekochen und bebacken ihre Partner, bleiben zu Hause und sind dabei glücklich. Hier kann man sich das einmal anschauen, wie das aussieht. Es ist eigentlich nicht zu glauben.
Und deshalb hat das Phänomen “Elwedritsche” auch eine aktuelle gesellschaftlich-politische Komponente. Im Grunde müsste das vermeintliche Hühner-Elfen-Fabeltierwesen Lilith wütend aus dem Pfälzerwald herauskommen und auf die Barrikaden gehen. Es ist höchste Zeit!
Zum Glück gibt es Initiativen, die Frauen dabei unterstützen, aus Abhängigkeitsverhältnissen auszubrechen. In Mainz gibt es eine ganze Reihe von Beratungsstellen. In anderen Städten gibt es vergleichbare Angebote.
Und allen Töchtern der Welt sei zugerufen: Seid nicht wie Eva! Seid Lilith … bis auf den Aspekt der nächtlichen Ruhestörung vielleicht …
