
Erstens: Das Patriarchat lässt grüßen!
Die Geschichte der Elwedritsche zeigt uns einen männlichen Blick auf die Gesellschaft. Mit der Sesshaftwerdung der Menschen und dem Übergang der Jäger und Sammler zu einer bäuerlichen Gesellschaft gewinnt die Notwendigkeit, die eigenen Äcker zur Not auch mit Gewalt zu verteidigen, an Bedeutung. Die Söhne eines Bauern bleiben deshalb auf dem Hof. Ehefrauen verlassen die Heimat ihrer Kindheit und ziehen hinzu. So entsteht das Patriarchat. Aber erst seit um 2700 v. Chr. im mesopotamischen Uruk die Keilschrift entwickelt wurde, erhalten wir detaillierte Einblicke in gesellschaftliche Strukturen bronzezeitlicher Siedlungen. Schon zu dieser Zeit ist es die Frau, vor der man sich in Acht zu nehmen hat. Genauer: Es ist diejenige Frau, die selbst keine Kinder bekommen kann, und dies Müttern neidet. Deshalb nähert sie sich Schwangeren, Wöchnerinnen und Neugeborenen, um ihnen zu schaden. Es ist diejenige, die nicht geehelicht wurde. Deshalb nähert sie sich schlafenden Männern, um ihnen den Samen zu stehlen. Es sind Frauen, die nicht der gesellschaftlichen Erwartung entsprechen, Ehefrauen und Mütter zu sein. Wer anders ist, macht Angst. Wer anders ist, wird aufmerksam beäugt und kontrolliert – und gegebenenfalls verbannt, in die Wüste oder eben den Pfälzer Wald. Lilith zieht sich deshalb durch seit 3000 Jahren durch die Kulturgeschichte, weil dieses Motiv so unendlich stark ist. Gut, dass Frauen in den letzten 50 Jahren den Spieß umgedreht haben und Lilith als Vorreiterin der Frauenbewegung und Gleichberechtigung verstehen. Es ist ihnen gelungen, die unabhängige Frau, die eben nicht Ehefrau und Mutter sein will und auch ihre Sexualität selbstbestimmt auslebt, als alternatives Zielbild zu etablieren.
Zweitens: Menschen zeigen Resilienz!
Man ist Angst nicht ausgeliefert. Menschen finden immer Wege, Ängsten einen Namen zu geben, sie zu bearbeiten und letzlich auch zu verarbeiten. Die Verkleinerung der Albdrude, hinter der letztlich Lilith steckt, zur Elwedritsch ist ein gutes Beispiel hierfür.
Drittens: Der Einfluss der SchUM-Städte ist relevant.
Jüdische Kultur hat das Pfälzische beeinflusst. Viele jiddische Lehnwörter im Dialekt legen hier Zeugnis ab. Ähnliches gilt für weitere kulturelle Muster. Christen und Juden lebten Jahrhunderte nebeneinander und miteinander. Das hat die Region zwischen Mainz, Worms und Speyer geprägt.
Viertens: Nichts existiert ohne Grund!
Generationen von Tritschologen haben versucht, das Entstehen und der Elwedritsche und ihre Existenz zu begründen. Sie seien Fabeltiere, fantastische Tierwesen, Hybride aus Hühnern und Elfen, sollen Eier legen und mit Dinosauriern verwandt sein. Um es klar zu sagen: Tritschologen dürfen das alles, denn es ist Teil der Angstverarbeitungsstrategie: Nicht zu wissen, was hinter einer Sache steckt, erzeugt Unbehagen. Deshalb schafft das Erfinden hanebüchener Geschichten immerhin Kontrollgewinn. Man muss nicht schweigen, wenn es um Elwedritsche geht, sondern kann eine Geschichte erzählen – auch wenn sie mit den realen Sachverhalten nichts zu tun hat. Wer aber die historischen Quellen bemüht, den Blick über den Tellerrand wagt und nicht an den Grenzen der Pfalz halt macht und wieder umkehrt, wird Antworten finden. Auch wenn man dafür manchmal lange Wege – und Umwege – in Kauf nehmen muss.
Fünftens: Oft sind kulturelle Muster ein Reflex auf Ereignisse der Lebenswirklichkeit.
Im Fall der Elwedritsche waren plötzliche Kindstode, nächtliche Herzattacken, Tode von Schwangeren und Wöchnerinnen, nächtlicher Samenerguss und – last, but not least – das Phänomen der Schlafparalyse Auslöser der Vorstellung eines nächtlichen Druckdämons, aus dem sich Lilith, Alben, Druden, Albdruden und letztlich Elwedritsche entwickelten.
