
Nicht ohne Grund sieht die pennsylvanisch-deutsche Elbedritsch auf dem Buchcover katzenartig aus. So beschreiben sie in Amerika die meisten Menschen (ich will aber nicht verschweigen, dass es auch geflügel- und vogelartige Darstellungen gibt). Aus meiner Sicht muss man der Migrationsspur der Indoeuropäer folgen, um das Wesen der Elwedritsche zu ergründen. Jetzt ergänze ich: Folge der Spur der (schwarzen) Katze.
Katzen und Menschen teilen das Leben schon seit Jahrtausenden, und auf dem Bauernhof hat eine Katze vor allem eine Funktion: die Schadensabwehr von Schädlingen wie Mäusen, um die Getreidevorräte zu sichern. Dies passt sich gut ein in die bäuerlichen Abwehrmaßnahmen, die ich an anderer Stelle beschrieben habe.
Man weiß seit kurzem, dass in Mesopotamien Wildkatzen lebten und dort etwa zur gleichen Zeit wie Hunde, Schafe und Ziegen domestiziert wurden. Das wäre dann zeitlich etwa der Bereich der Sesshaftwerdung der Menschen im fruchtbaren Halbmond ab 10.000 v. Chr. – Ausgrabungen in den letzten zehn Jahren haben hier neue Erkenntnisse gebracht.
Wertschätzung genossen Katzen in Ägypten bald nach Beginn der ägyptischen Zivilisation um 5000 v. Chr. – um 450 v. Chr. wurde as Töten einer Katze mit dem Tod bestraft. Die Göttin “Bastet”, üblicherweise als Katze oder Frau mit Katzenkopf dargestellt, war eine wichtige Gottheit im ägyptischen Götterpantheon. Sie war die Hüterin von Herd und Heim, Beschützerin von Frauengeheimnissen und eine Wächterin, die böse Krankheiten und Geister abhielt. Wer mein Buch liest, wird diese Aspekte an einigen Stellen wiederfinden.
Berühmt ist die Geschichte aus der Schlacht von Pelusium (525 v. Chr.). Hier kämpfte Kambyses II. von Persien gegen die Armee des ägyptischen Pharaos Psammetich III. Die Perser siegten, u.a. weil der Herrscher Katzen vor den Invasionstruppen in Richtung der Stadt Pelusium am Nil treiben ließ. Auch malten die persischen Soldaten Bilder von Katzen auf ihre Schilde und hielten möglicherweise Katzen in ihren Armen, als sie hinter der Herde von Katzen marschierten. Die Ägypter zögerten, sich zu verteidigen – aus Angst, den Katzen Schaden zuzufügen. Dies hätte (siehe oben) mit dem Tod bestraft werden können. Demoralisiert gaben die Ägypter die Stadt auf.
Die Ägypter sind keine Indoeuropäer, aber unser Wort für Katze stammt von dem ägyptischen “quattah” ab. Es ist damit ein Lehnwort im Indoeuropäischen, von dem sich u.a. engl. “cat”, franz. “chat” und dt. “Katze” ableiten. Auf der östlichen Flanke des Indoeuropäischen – in Indien – werden Katzen in großen literarischen Epen erwähnt. Die Geschichte vom gestiefelten Kater basiert auf einer indischen Volkssage aus dem 5. Jahrhundert vor Christus.
Es ist wahrscheinlich, dass die zeitlich sehr frühe und hohe Bedeutung der Katzenverehrung in Ägypten mit der Zeit auf die mesopotamischen Völker abstrahlte, die ebenfalls keine Indoeuropäer waren. Die Verbindung des Tieres mit dem Schutz von Heim und Herd (Feuer) und der Abwehr von Krankheiten und Geistern ist etwas, was sich im Glaubenssystem der Menschen im fruchtbaren Halbmond zu einem frühen Zeitpunkt festgesetzt haben könnte. Von da aus erreichte die Wertschätzung von Katzen – vermutlich über den regionalen Handel in Form von Karawanen – die indoeuropäischen Völker nördlich des fruchtbaren Halbmonds. Von hier aus breitete sich die positive Konnotation von Katzen mit der Landnahme der Indoeuroper im Zuge der neolithischen Revolution erst nach Norden, dann nach Westen und Osten aus.
Das ist die Vorgeschichte, die ich nicht in mein Buch übernommen habe, weil es zu weit geführt hätte. Uns begegnet die Katze in “Elwedritsche – Dunkle Gefährten” als Zugtier des Streitwagens einer germanischen Göttin und im Mittelalter und der frühen Neuzeit als Begleiterin von Hexen. Der schlechte Leumund von Katzen zu dieser Zeit scheint hierbei ein Kolateralschaden der Christianisierung zu sein. Offensichtlich wurde ihr zum Verhängnis, dass sie Begleiterin einer germanischen Gottheit war. So wurde nicht nur die Göttin dämonisiert, sondern die Katze gleich mit – mit nachhaltigem Effekt.
Man musste sich vor schwarzen Katzen in Acht nehmen, die den Weg in einer bestimmten Richtung kreuzten und vor allem nachts auf der Hut sein. Mit Hexen und Druden verband die Katze, dass sie sich lautlos durch die Nacht bewegt, und das „Milchtreten“ des Tieres, wenn sie bei einem Menschen auf der Brust sitzt – eine Erinnerung an das Stimulieren der Milchdrüsen bei der Katzenmutter – , erinnert an das Drücken der Gestaltwandlerin.
Es galt aber auch: Eine schwarze Katze (oder ein schwarzes Huhn) war in der Lage, eine Drude von ihrem Fluch zu erlösen. Übergab man ihr das Tier, drückte sie es so lange, bis es tot war. Damit war der Spuk vorbei.
Wir sehen: Die Hochachtung, die die Ägypter für Katzen hegten und die sich wahrscheinlich auf die Mesopotamier übertragen hat, ist tausende Jahre später bei den heidnischen Völkern Europas noch erkennbar. In der Zeit der Pennsylvania-Auswanderung jedoch war der Leumund von schwarzen Katzen in der Pfalz bereits überwiegend schlecht. Man tötete sie, wenn man sie erwischte. Es konnte ja eine gestaltwandelnde Hexe dahinter stecken – oder man hatte Pech und wurde selbst als Hexe denunziert, weil eine schwarze Katze in der Nähe war. Interessant ist, dass man in Dachstühlen bewusst tote Katzen ablegte, die dann mumifizierten. Möglicherweise sollte dieser Brauch Hexen und Druden fernhalten. Einen lesenswerten Artikel des Deutschlandfunks zu diesem Thema findet man, wenn man hier klickt. Wenn man einmal „Google“ mit den Stichwörtern „Katze“ und „Bauopfer“ füttert, kann man sich vor Treffern kaum retten. Sehenswert ist dieser kurze Videobeitrag des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr 2025: Gruselige Dachbodenfunde – Schutz gegen böse Geister. Relevant ist der Hinweis, dass mumifizierte Katzen immer in der Nähe des Kamins bzw. Schornsteins platziert wurden, um Hexen und Druden das „Einfahren“ in das Haus auf diesem Wege unmöglich zu machen.

Auch in den deutschen Siedlungsgebieten in Europa – zum Beispiel bei den Donauschwaben in Ungarn – haben sich Geschichten über „schwarze Katzen“ und „Hexen“ erhalten (hier klicken).
Das schlechte Image von schwarzen Katzen war auch 300 Jahre später noch in den Geschichten zu erkennen, die Menschen mir in den vergangenen 30 Jahren bei meinen Reisen in Pennsylvania erzählt haben.
In Island hat sich mit dem Glauben an die große und bösartige Weihnachtskatze „Jólakötturinn“ ein besonderer Brauch erhalten. Sie gehört zur Trollhexe Grýla. Es handelt sich dabei um ein großes, schwarzes, katzenähnliches Monster, das angeblich unartige oder faule Kinder frisst, die zu Weihnachten keine neuen Kleidungsstücke bekommen haben. Sie ist ein Teil der isländischen Weihnachtstradition und wird oft als abschreckendes Beispiel für Kinder verwendet, um sie zu ermutigen, fleißig zu sein und neue Kleidung zu tragen.


