27 Kinder- und Jugendliteratur

Die böse Königin – Archetyp von Lilith, die zugleich verführerisch schön und lebensbedrohlich böse ist.

Findet man Motive, die das beinhalten, was Elwedritsche vor ihrer Verwandlung zu Elwedritschen waren, in der Kinder- und Jugendliteratur? Na klar, hier nur ein kurzer Überblick.

In Märchen wurde das gebannt, vor dem man sich fürchtete. Dadurch wurde es fassbar und erträglich gemacht. Unendlich schön und abgrundtief schlecht wie Lilith ist die „böse Königin“, die uns bei Schneewittchen begegnet. Bosheit und Neid sind ihr Antrieb, und Gift ist ihr Mittel. In ihr verstecken sich die mesopotamischen Dämonen „Lamashtu“ und „Lilitu“ (Lilith) gleichermaßen wie auch alle ihr geschichtlichen Nachfolgerinnen.

Ottfried Preussler hat Kindern die Angst vor der Nacht genommen, indem er das Böse einfach verniedlicht hat. Aus der Hexe bzw. Drude wurde 1957 „Die kleine Hexe“, aus einem schrecklichen Geist 1966 „Das kleine Gespenst“. Damit hat er das gleiche Verfahren angewendet wie die Menschen, die aus der schrecklichen (Alb-)Drude die Elwedritsch gemacht haben. Angela Sommer-Bodenburg hat die Trilogie mit Geschichten um den „kleinen Vampir“ ab Ende der 1970er Jahre komplettiert. Alle Aspekte von „Lilith“ (Gestaltwandlung, Schädigung der Opfer bei Nacht etc.) und „Lamashtu“ (zusätzlich: Blut saugen) sind vorhanden, aber in eine kindgerechte Kommunikation übersetzt. Ängste werden so bearbeitet, erträglich gemacht und letztlich überwunden. Zu bestellen sind alle Bücher z.B. hier.

Alle drei gemeinsam stehen für das, was auch hinter der Elwedritsch steckt. Sie ist eine verniedlichte Hexe, ein verniedlichtes Gespenst, vielleicht auch ein verniedlichter Vampir oder am besten eine Mischung von allem – aber kein Fabeltier und kein fantastisches Tierwesen. Denn hinter ihr stecken die die Hexe, Albdrude, Drude, Nachtalb (Nachtmahr), Holle, Freya, Frigg, Lamia, Stryx, Lilith, Lamashtu und vielleicht noch einige mehr.

Auch in Graf Zahl von der Sesamstraße steckt Dämonisches. Alles, was ihm begegnet, muss gezählt werden. Es ist wie ein Zwang: Er kann nicht anders. Das allerdings erinnert an den „Trotterkopf-Spruch“ (Druddekopp-Spruch) aus einem alten Braucherei-Buch aus dem 19. Jahrhundert. Hier erhält die Drude in einem Bannspruch die Aufgabe, „alle Zaunstecken der Welt zu zählen“ (Hexen sitzen auf Zäunen, weil sie sich den Menschen nicht weiter nähern können, wenn alles gut geschützt ist). Auf der anderen Seite wurden mancherorts Reisigbesen vor Schlafkammern so platziert, dass die Reisighalme das Schlüsselloch verdeckten. Der Glaube war, dass eine Drude zunächst alle Reisighalme zählen muss, bevor sie durch das Schlüsselloch zu dem Schlafenden gelangen kann. Die Hoffnung war, dass über dem Zählen das Morgengrauen anbrach und der Dämon damit seine Kraft verlor. Vielleicht nur ein Zufall – aber Graf Zahl entspricht dem Bild, das Menschen von gestaltwandelnden Dämonen hatten.

Graf Zahl aus der Sesamstraße (Quelle: Wikipedia)

Das Ziel der Drude als Nachfolgerin von Lilith ist es, Menschen Schaden zuzufügen – vor allem Kindern, aber auch Männern. Sie hockt sich nachts auf die Brust, drückt ihr Opfer und nimmt ihm die Lebenskraft. Das kennen wir doch noch aus einer anderen Geschichte: Harry Potter. Dementoren stehen für das abgrundtief Schlechte, das in der Nacht lauert.

Ein Dementor (Quelle)

Auch in dieser Geschichte muss die Angst vor der Nacht und dem Bösen überwunden werden. Natürlich hat Lilith längst auch Eingang in die Welt der Computerspiele gefunden …

„Diablo“ – ein Computerspiel, in dem Lilith eine herausragende Rolle spielt (Quelle: Youtube)

Das Phänomen, dass das Böse benannt, verkleinert und verbannt (hier in Kinderbücher!) wird, gibt es überall auf der Welt. Manchmal erfolgt die Verbannung der Angst, indem dieser Angst ein neuer, nicht gefährlich wirkender Körper zugewiesen wird. Wenn man eine KI nach vergleichbaren Fällen fragt, erhält man Antworten wie diese: