
Was haben Dilldapp (Hunsrück, Westerwald, Hessen, Oberfanken) und Wolpertinger (südl. Bayern) mit Elwedritschen zu tun? Bei all diesen Wesen handelt es sich um Kreaturen, die die äußeren Merkmale verschiedener Tiere in sich vereinigen. Es sind aber keine Hybride oder Fabelwesen! Die Menschen brachten mit der Gestaltung zum Ausdruck, dass es sich hierbei um sogenannte Gestaltwandler handelt, die laufen, schwimmen und sogar fliegen können, um ihre Ziele zu erreichen. Ihre Absichten sind nicht gut. Sie sind darauf aus, in der Nacht anderen Menschen Schaden zuzufügen. Aber diesen Aspekt, den wir bei der Elwedritsch im Detail durchdekliniert haben (vgl. das Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten), ist heute nicht mehr bekannt.
Beginnen wir mit der Verwandtschaft zwischen Elwedritsch und Dilldapp. Im Überblick stellt sich die Verbreitung des Begriffs „Elbentritsch“ im südhessischen Sprachraum im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wie folgt dar:

Interessant ist der Vermerk „Fabeltiere“. Zum ursprünglichen Kern der Geschichte sind die damaligen Wörterbuch-Macher nicht durchgedrungen. Zum Südhessischen Wörterbuch gelangt man, wenn man hier klickt.
Im Pfälzischen Wörterbuch, dessen Sammelarbeit ab 1925 begann, findet sich ebenfalls eine Karte zur Verbreitung des Begriffs:

Spannend ist hier die Variante „Dilwedatsche“ u.a. bei Neustadt an der Weinstraße. Hier ist der Zusammenhang zwischen „Elwe“ und „Dilwe“ sowie zwischen „dritsche“ und „datsche“ noch zu erahnen. Heute spricht man im Hessischen überwiegend von „Dilldapp“, der aber nur eine Verkürzung von „Dilwedatsche“ ist und damit etymologisch zur „Elwedritsche“ zählt.

Dilldapp ist übrigens im „Schweizerischen Idiotikon“ (Dialektwörterbuch) ebenso bekannt wie Ilbedritsch:

„Hülpen-Trütsche“ ist als Variante interessant, weil das „Trütsche“ auf die „Drud“ verweist. „Hülpen“ indes bedeutet eigentlich „hinken“. Aus meiner Sicht handelt es sich dabei um eine sogenannte volksetymologische Umdeutung. „Hilwetritsche“ scheint ebenso eine Verballhornung von „Elbentritsch“ (Elben-Trüdchen) zu sein wie „Dilwedatsche“.
Damit ist die Zusammengehörigkeit von „Elwedritsch“ und „Dilldapp“ („Dilwedatsche“) hinlänglich beschrieben. Die Bedeutung „Tölpel“ beim Wort Dilldapp ist interessant. In der Pfalz gilt auch als dummer Mensch, wer sich bei einer Elwedritschen-Jagd hereinlegen lässt. Jakob Grimm befasste sich in seiner Schrift Deutsche Mythologie (1835) mit der Wortgruppe, die in verschiedenen Gegenden Deutschlands in ähnlichen Varianten vorkommt. Er listet „Elpentrötsch“ in der Bedeutung eines „linkischen einfältigen menschen, dem die elbe etwas angethan (hat)“ (Grimm, Deutsche Mythologie, 412). Bisweilen wurde das Wort auch in der Bedeutung Wechselbalg verwendet, was wiederum eine Verbindung mit der Drude als der Erscheinung herstellt, die Kindern gefährlich wird und sie vertauscht.
Wir sehen also: Das Konzept ist immer dasselbe, aber die Meme (vgl. das Kapitel über „Gene und Meme“) haben sich in verschiedenen Gegenden unterschiedlich entwickelt.
Dasselbe gilt für den südbayrischen Wolpertinger. Im katholischen Bayern lässt sich das „Wolper“ über „Walper“ auf „Walburga“ zurückführen. Eine Heilige diesen Namens lebte von 710 bis 779 und gilt als Nichte des heiligen Bonifatius (673 – ca. 754). Es ist die Zeit der Christianisierung der heidnischen Völker. Die Heiligsprechung Walburgas fand um das Jahr 870 an einem 1. Mai statt! Und die Nacht zum ersten Mai nannte der Volksmund irgendwann „Walburgas Nacht“ – „Walpurgisnacht“.

Es ist die Nacht, an der die Heiden ihr Frühlingsfest feierten. Und weil die Menschen dies auch teilweise auch im Jahr 870 immer noch taten (obwohl nach dem Sieg Karls des Großen über die heidnischen Stämme längst zwangsgetauft), galten diese aus christlicher Perspektive bald als Hexen. Die Gestaltwandler flogen offensichtlich mit ihren Besen auf hohe Berge wie den Brocken, um gemeinsam dem Teufel zu huldigen.
Optisch zeigt sich der Wolpertinger heute deutlich anders als Elwedritsch oder Dilldapp. Aber das Prinzip ist das Gleiche: Die Gestaltwandlung wird durch die Verwendung verschiedener tierischer Körperteile visualisiert.
In anderen Gegenden tragen die Mischwesen andere Namen wie „Raurackl“ (Österreich) oder „Rasselbock“ (Thüringen). Es handelt sich ebenfalls um enge Verwandte von „Elwedritschen & Co.“
