Das Elwedritsch-Phänomen als Gen–Kultur-Ko-Evolutionsprodukt: Eine vertiefte Integration von HADD, CCT, BVT und Dual-Inheritance Theory (DIT)

Von Michael Werner (2026)

Abstract

Die Erzählung der Elwedritsch stellt ein außergewöhnliches Beispiel kultureller Langzeitpersistenz dar. Das Narrativ eines vogelähnlichen Mischwesens überdauert regionale Transformationsprozesse, transatlantische Migration und funktionale Umdeutungen vom angstbesetzten Dämon zum humoristischen Identitätssymbol. Aufbauend auf dem HADD–CCT–BVT-Modell, wie es auf elwedritsch.de dokumentiert ist, erweitert dieser Beitrag die theoretische Perspektive um die Dual-Inheritance Theory. Ziel ist die Entwicklung eines integrierten, evolutionswissenschaftlich konsistenten Erklärungsrahmens, der kognitive Dispositionen, sozialpsychologische Funktionen und kultur-evolutionäre Mechanismen systematisch zusammenführt. Die Theorie präzisiert den Aspekt der „memetischen Fitness“ des Elwedritsch-Phänomens. Die Elwedritsch wird nicht als folkloristische Kuriosität, sondern als ko-evolutives Produkt biologischer und kultureller Vererbung analysiert.

1. Einleitung

Die Persistenz mythischer Wesen in vormodernen wie modernen Gesellschaften wirft eine grundlegende evolutionswissenschaftliche Frage auf. Warum überleben bestimmte Narrative über Jahrhunderte hinweg, während andere verschwinden? Warum bleibt ein regional begrenztes Wesen wie die Elwedritsch kulturell anschlussfähig, obwohl sich ökologische, soziale und epistemische Rahmenbedingungen fundamental verändert haben?

Die bisherige Forschung im Kontext des Elwedritsch-Phänomens betont insbesondere kognitionspsychologische Mechanismen. Das zwischen 2020 und 2025 entwickelte Modell verbindet das Hyperactive Agency Detection Device, die Compensatory Control Theory und die Benign Violation Theory zu einer funktionalen Entwicklungssequenz. Dieses Modell erklärt überzeugend die psychologische Anschlussfähigkeit des Narrativs. Es bleibt jedoch unvollständig hinsichtlich der Frage nach langfristiger kultureller Evolution. Deshalb wird das Modell 2026 erweitert.

Denn hier setzt die Dual-Inheritance Theory (DIT) an, die davon ausgeht, dass menschliches Verhalten durch zwei interagierende Informationssysteme geformt wird, nämlich genetische und kulturelle Vererbung¹. Die Integration dieser Perspektive erlaubt es, die Elwedritsch als Ergebnis von Gen–Kultur-Ko-Evolution zu verstehen.

2. Kognitive Grundlage: Hyperactive Agency Detection Device

Das Hyperactive Agency Detection Device beschreibt eine evolvierte Disposition des menschlichen Wahrnehmungssystems, intentional handelnde Akteure auch in mehrdeutigen Reizkonstellationen zu identifizieren². Evolutionsbiologisch lässt sich diese Tendenz als asymmetrische Fehlerkostenstruktur erklären. Ein falsch-positiver Alarm war in der Umwelt des Pleistozäns weniger kostenintensiv als ein falsch-negatives Übersehen eines Prädators.

Die Elwedritsch ist vor diesem Hintergrund als kulturelle Spezifikation einer generischen Agency-Zuschreibung zu interpretieren. Geräusche im Wald, nächtliche Irritationen im Aufwachprozess (Schlafparalyse) oder unerklärliche Bewegungen erhalten eine personalisierte Zuschreibung. Diese Konkretisierung erhöht die Erinnerbarkeit und kommunikative Weitergabe der Wahrnehmungserfahrung.

Innerhalb der Dual-Inheritance Theory (DIT) fungiert das HADD als genetisch verankerte Selektionsumwelt für kulturelle Narrative. Nicht jedes beliebige Wesen kann sich stabilisieren, sondern bevorzugt solche, die an bestehende kognitive Module andocken. Die Elwedritsch nutzt somit eine evolvierte neurokognitive Infrastruktur als Wirtssystem.

3. Soziale Stabilisierung: Compensatory Control Theory

Die Compensatory Control Theory geht davon aus, dass Menschen bei erlebtem Kontrollverlust verstärkt externe Ordnungssysteme affirmieren³. Wenn individuelle Handlungswirksamkeit eingeschränkt erscheint, steigt die Attraktivität strukturierender Weltbilder.

In vormodernen Lebenswelten war Umweltunsicherheit allgegenwärtig. Naturgefahren, Krankheiten und ökonomische Instabilität erzeugten chronische Kontrollunsicherheit. Die Elwedritsch konnte hier als ordnungsstiftendes Erklärungsmuster fungieren. Indem das Unbekannte personalisiert wurde, entstand ein kohärentes Narrativ, das diffuse Bedrohung in strukturierte Gefahr überführte. Ein durch HADD entstandener Dämon konnte im Rahmen der CCT mit Bannsymbolen und Bannritualen bekämpft werden. Das schaffte Kontrollgewinn.

Aus DIT-Perspektive erhöht diese Funktion die kulturelle Fitness des Narrativs. Kulturelle Einheiten, die Kontrollbedürfnisse adressieren, besitzen höhere Transmissionswahrscheinlichkeit. Das Narrativ wird dadurch selektiv stabilisiert.

4. Humoristische Rekodierung: Benign Violation Theory

Mit zunehmender gesellschaftlicher Stabilität verliert ein rein bedrohliches Narrativ seine adaptive Notwendigkeit. Die Benign Violation Theory (BVT) erklärt Humor als gleichzeitige Wahrnehmung einer Normverletzung und ihrer Harmlosigkeit⁴.

Die moderne Elwedritsche-Jagd stellt eine ritualisierte Normverletzung dar. Ein Neuling wird in Erwartung einer realen Entität in den Wald geschickt. Die soziale Umgebung signalisiert jedoch implizit, dass keine reale Gefahr besteht. Die Verletzung bleibt benign. Das Resultat ist kollektives Lachen.

Diese humoristische Transformation verlängert die kulturelle Lebensdauer des Narrativs. Ein vormals angstbesetztes Meme wird in ein kooperatives Ritual überführt. Die Funktion verschiebt sich von Kontrollkompensation zu Gruppenkohäsion.

5. Dual-Inheritance Theory und kulturelle Fitness

Die Dual-Inheritance Theory postuliert, dass kulturelle Informationen eigenständigen Evolutionsmechanismen unterliegen¹. Variation entsteht durch Rekombination und kreative Modifikation. Selektion erfolgt über kognitive Präferenzen und soziale Lernmechanismen. Drift tritt bei isolierten Populationen auf.

5.1 Content Bias

Minimal kontraintuitive Konzepte besitzen erhöhte Erinnerungswahrscheinlichkeit⁵. Die Elwedritsch ist fast ein Vogel, aber anatomisch inkonsistent. Diese moderate Abweichung vom Erwartbaren erzeugt kognitive Salienz ohne vollständige Unplausibilität.

5.2 Context Bias

Soziale Lernprozesse sind nicht zufällig verteilt. Conformist Bias führt zur Übernahme mehrheitlich verbreiteter Inhalte, während Prestige Bias die Orientierung an statushohen Modellen begünstigt¹. Die Elwedritsch fungiert als Identitätssignal innerhalb pfälzischer und pennsylvaniadeutscher Gemeinschaften. Ihre Übernahme signalisiert Gruppenzugehörigkeit.

6. Migration, Isolation und kulturelle Drift

Die Migration pfälzischer Gruppen nach Pennsylvania im 18. Jahrhundert führte zur transatlantischen Übertragung des Narrativs, wie auf elwedritsch.de dokumentiert ist.

In isolierten kulturellen Kontexten wirken Driftprozesse stärker. Varianten können sich stabilisieren, ohne durch kontinuierlichen Austausch modifiziert zu werden. Während sich die Elwedritsch in der Pfalz im Zuge von Säkularisierung und Tourismus humoristisch transformierte, konservierten sich in Pennsylvania archaischere Formen.

Dieser Befund illustriert einen klassischen Mechanismus kultureller Evolution unter reduzierter Rekombination.

7. Gen–Kultur-Ko-Evolution

Die Integration aller vier Theorien erlaubt eine ko-evolutive Interpretation. Das HADD stellt die genetische Grundlage dar. CCT erklärt funktionale Stabilisierung unter Unsicherheit. BVT ermöglicht adaptive Transformation unter veränderten Umweltbedingungen. DIT erklärt Persistenz, Drift und Selektion über Generationen hinweg. Gut fassbar wird das Konzept, wenn man von „menschlichem Wirt“ und „kulturellem Parasit“ spricht. Der Wirt ist evolutionär biologischen und kulturellen Veränderungen unterworfen. Die Elwedritsch als kulturelles Produkt ist der Parasit, der sich in diesem Prozess erfolgreich einnistet.

Die Elwedritsch ist demnach kein statisches Relikt, sondern ein dynamisches Replikat, das sich an veränderte ökologische und soziale Bedingungen anpasst, ohne seine kognitiven Anschlussstellen zu verlieren. Ihre kulturelle Langlebigkeit beruht auf der kontinuierlichen Interaktion zwischen biologischer Disposition und kultureller Variation.

8. Schlussfolgerung

Die Elwedritsch ist ein empirisches Beispiel für Gen–Kultur-Ko-Evolution im Bereich volkstümlicher Mythologie. Ihre Entstehung basiert auf evolvierten Wahrnehmungsmechanismen. Ihre Stabilisierung resultiert aus Kontrollkompensation. Ihre Transformation folgt humoristischen Mechanismen. Ihre Persistenz wird durch kulturelle Selektions- und Driftprozesse erklärt.

Sie ist damit kein irrationaler Restbestand vormoderner Denkweisen, sondern ein hochgradig erfolgreiches kulturelles Nebenprodukt menschlicher Evolution. Als solches fungiert sie bis heute als identitätsstiftendes Narrativ, das soziale Kohäsion durch geteilte Imagination und gemeinsamen Humor erzeugt.

Fußnoten

¹ Boyd, R., & Richerson, P. J. 1985. Culture and the Evolutionary Process. Chicago: University of Chicago Press.
² Barrett, J. L. 2004. Why Would Anyone Believe in God? Walnut Creek: AltaMira Press.
³ Kay, A. C., Whitson, J. A., Gaucher, D., & Galinsky, A. D. 2009. Compensatory Control. Psychological Science, 20(9), 1149–1156.
⁴ McGraw, A. P., & Warren, C. 2010. Benign Violations. Psychological Science, 21(8), 1141–1149.
⁵ Boyer, P. 2001. Religion Explained. New York: Basic Books.

Literaturverzeichnis

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Boyer, P. (2001): Religion Explained. New York: Basic Books.
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Cavalli-Sforza, L. L., & Feldman, M. W. (1981): Cultural Transmission and Evolution. Princeton: Princeton University Press.
Kay, A. C., Whitson, J. A., Gaucher, D., & Galinsky, A. D. (2009): Compensatory Control. Psychological Science, 20(9), 1149–1156.
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