Elwedritsche

Dunkle Gefährten

Abstract

Die vorliegende Arbeit erweitert die psychologisch-memetische Analyse regionaler Fabelwesen um den nordamerikanischen Squonk (Lacrimacorpus dissolvens). Aufbauend auf dem von Michael Werner entwickelten HADD-CCT-BVT-Modell wird der Squonk als transatlantischer „Cousin“ der pfälzischen Elwedritsch interpretiert, deren Entstehung nachweislich auf universelle neuropsychologische Grenzerfahrungen – insbesondere die Schlafparalyse – zurückgeführt werden kann (vgl. elwedritsch.de). Über die historischen Zwischenstufen von Alb, Drude und Albdrude wird gezeigt, wie sich ein vormals bedrohlicher Schlafdämon durch Prozesse kultureller Entdämonisierung in lokal angepasste, humorisierte Wesen transformiert. Der Squonk fungiert dabei als zusätzlicher empirischer Beleg für die Robustheit des HADD-CCT-BVT-Modells, das bereits anhand der Elwedritsch, des Albatwitch und des Ritualkomplexes um den Groundhog Day validiert wurde. Der Squonk ist hierbei als memetische Weiterentwicklung des Elwedritsche-Motivs zu lesen.

1. Einleitung: Vom Nachtdämon zum Fabelwesen

Fabelwesen gelten in der populären Wahrnehmung häufig als naive Produkte vormoderner Phantasie. Der psychologisch-memetische Ansatz widerspricht dieser Sichtweise fundamental. Er versteht Mythenfiguren als kulturelle Werkzeuge zur Verarbeitung existenzieller Angst, Kontrollverlustes und sozialer Ambiguität. Die Elwedritsch – ausführlich dokumentiert und kontextualisiert auf elwedritsch.de – stellt hierfür ein paradigmatisches Beispiel dar.

Der Squonk, eine vergleichsweise junge Figur der nordamerikanischen Folklore, wird in dieser Arbeit nicht isoliert betrachtet, sondern genealogisch in dieselbe Traditionslinie eingeordnet. Ziel ist es zu zeigen, dass beide Wesen Ausdruck desselben psychologischen Ursprungs sind und sich lediglich aufgrund unterschiedlicher kultureller Umweltbedingungen divergent entwickelt haben.

2. Neuropsychologischer Ursprung: Schlafparalyse als Urmythos

2.1 Schlafparalyse und Angstwahrnehmung

Die Schlafparalyse ist ein gut dokumentiertes neurobiologisches Phänomen der REM-Phase, bei dem motorische Hemmung, Bewusstheit und halluzinatorische Wahrnehmung zusammentreffen. Typisch sind das Gefühl eines fremden Wesens im Raum, massiver Druck auf der Brust sowie intensive Furcht.

Diese Erfahrung erzeugt eine kognitive Dissonanz: Ein hochgradig bedrohliches Erleben ohne sichtbare Ursache. Hier greift das Hyperactive Agency Detection Device (HADD), das evolutionär darauf ausgelegt ist, lieber einmal zu viel als einmal zu wenig eine handelnde Entität anzunehmen.

2.2 Historische Agentifizierungen: Alb, Drude, Albdrude

In der europäischen Kulturgeschichte materialisierte sich dieser angenommene Agent zunächst als Alb – etymologisch im Albtraum konserviert. Mit der Christianisierung wurde daraus die Drude bzw. Albdrude, ein explizit dämonisiertes Nachtwesen, das Schuld, Krankheit und moralische Devianz verkörperte.

Diese Dämonen fungierten nicht nur als Erklärung für das nächtliche Grauen, sondern auch als soziale Disziplinierungsinstrumente. Angst wurde externalisiert, personalisiert und sanktionierbar gemacht.

3. Kulturelle Entdämonisierung: Von der Albdrude zur Elwedritsch

3.1 Der Schritt in den Wald

Nach Michael Werner stellt die Elwedritsch das Resultat eines langfristigen Entdämonisierungsprozesses dar. Der Schlafdämon wird verkleinert, animalisiert und räumlich verlagert – aus dem Schlafzimmer in den Wald.

Die Elwedritschenjagd, wie sie bis heute folkloristisch inszeniert wird (vgl. elwedritsch.de), ist kein Überbleibsel irrationalen Aberglaubens, sondern ein ritualisiertes Kontrollinstrument im Sinne der Compensatory Control Theory (CCT). Die Angst ist gebannt, weil sie scheinbar verfolgt, benannt und gemeinschaftlich bewältigt wird.

3.2 Humorisierung als Endstufe

Mit zunehmender zeitlicher Distanz zur ursprünglichen Angsterfahrung tritt die Benign Violation Theory (BVT) in Kraft: Die frühere Bedrohung wird harmlos, ja lächerlich. Die Elwedritsch wird zum Witzwesen, zum Identitätsmarker regionaler Zugehörigkeit.

4. Von der Elwedritsch zum Squonk: Ein pennsylvanischer Sonderweg

4.1 Beschreibung und kultureller Kontext

Der Squonk wurde erstmals 1910 von William T. Cox beschrieben und später von Henry W. Shoemaker popularisiert. Er bewohnt die Wälder Pennsylvanias und gilt als extrem hässlich, warzenübersät und zutiefst melancholisch. Seine herausragende Eigenschaft ist das permanente Weinen sowie die Fähigkeit, sich bei Gefahr vollständig in Tränen aufzulösen.

Diese Selbstauflösung (Lacrimacorpus dissolvens) ist kulturpsychologisch bemerkenswert: Sie liefert eine narrative Erklärung für das Ausbleiben empirischer Beweise – ein Problem, das auch die Elwedritsch kennt.

4.2 Der Squonk als „Elwedritsch 2.0“

Im Vergleich zur Elwedritsch zeigt der Squonk eine weiter fortgeschrittene Entdämonisierung. Die Elwedritsch wird gejagt, aber nie gefangen. Die Jagd auf den Squonk führt immer zum selben Ergebnis: Es soll zwar möglich sein, das Fabeltier in einem Sack zu fangen. Öffnet man diesen später, findet man aber nicht den Squonk, sondern nur noch eine Wasser- bzw. Tränenpfütze. Im Squonk-Kontext wird damit – im Gegensatz zur immer erfolglosen Elwedritschejagd – erstmals eine Begründung geliefert: Bei Gefahr löst sich das Fabelwesen einfach auf. Mit diesem Schritt entschuldigt sich der Squonk gewissermaßen selbst für seine Existenz. Die Schuld wird internalisiert.

5. Anwendung des HADD-CCT-BVT-Modells auf den Squonk

5.1 HADD: Agentifizierung des Unbehagens

Die groteske Physiognomie des Squonks – Warzen, asymmetrischer Körper, ständiges Weinen – externalisiert diffuses Unbehagen. Die historische Assoziation von Warzen mit Hexen und Kröten verweist auf soziale Ausgrenzung und moralische Abweichung.

5.2 CCT: Kontrolle durch Mitleid

Im Gegensatz zur Elwedritsch wird der Squonk nicht aggressiv bekämpft. Die Erzählung seiner Scham und Traurigkeit verschiebt die Verantwortung: Nicht die Gemeinschaft vertreibt das Wesen, sondern es zieht sich selbst zurück. Kontrolle wird durch moralische Überlegenheit und Mitleid hergestellt. Damit ist klar: Es handelt sich um eine psychologisch-memetische Weiterentwicklung des Elwedritsch-Motivs auf nordamerikanischem Boden.

5.3 BVT: Tragikomik und Festivalisierung

Heute wird der Squonk auf Veranstaltungen wie der Squonkapalooza humorvoll zelebriert. Die ursprüngliche Bedrohung ist vollständig benign geworden – ein klassischer BVT-Effekt. Lachen ersetzt Angst.

6. Vergleichende Validierung: Squonk, Albatwitch und Groundhog Day

Der Squonk ist kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Musters:

DimensionElwedritschSquonkAlbatwitchGroundhog Day
UrsprungSchlafparalyseSchlafparalyseSchlafparalyseWetterunsicherheit
HADDNachtdämonHässliches WesenKleiner BigfootTierisches Orakel
CCTAbwehrritualeErzeugung von MitleidEinfangen in GescichtenPrognoseritual
BVTLustige JagdSelbstauflösungTouristische FolkloreLustiges Fest

Der Albatwitch zeigt die memetische Verschiebung des Begriffs „Elbedritsch“ in einen amerikanischen Kontext, während der Groundhog Day demonstriert, dass selbst abstrakte Unsicherheit (Wetter, Zukunft) nach demselben Modell verarbeitet wird.

7. Fazit

Der Squonk ist kein kurioser Sonderfall der amerikanischen Folklore, sondern ein weiterer belastbarer Beleg für die Universalität des HADD-CCT-BVT-Modells. Wie die Elwedritsch (vgl. elwedritsch.de), der Albatwitch und der Groundhog Day zeigt er, dass vermeintliche Fabelwesen funktionale kulturelle Technologien sind: Sie übersetzen neurobiologische Grenzerfahrungen in Narrative, Rituale und schließlich Humor.

In dieser Perspektive ist der Squonk tatsächlich der „Cousin“ der Elwedritsch – nicht biologisch, sondern memetisch. Beide erinnern daran, dass der Mensch seine tiefsten Ängste nicht überwindet, indem er sie verdrängt, sondern indem er ihnen Namen, Geschichten und irgendwann ein Lächeln gibt.

Squonk und Squonk-Jagd

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