Abstract

Die Elwedritsche gilt heute als humoristisch gerahmtes Fabeltier, dessen Jagd ritualisiert und notwendigerweise erfolglos bleibt. Historisch lässt sich jedoch eine deutlich düsterere Zuschreibung rekonstruieren: ein nachtaktives, potenziell gefährliches Grenzwesen: ein Druckdämon, dessen Ursprung im medizinischen Phänomen der Schlafparalyse liegt und der aufgrund einer Agentenzuweisung (HADD – Hyperactive Agent Detection Device) entsteht. Der vorliegende Artikel untersucht die kulturelle Transformation von der Albdrude zur Elwedritsche mithilfe der „Benign Violation Theorie“ des Humors sowie des neuen psychologisch-memetischen Ansatzes zur Erklärung des Phänomens. Es wird argumentiert, dass die Elwedritsche nicht entzaubert, sondern funktional umcodiert wurde: von einer angststiftenden Violation zu einer sozial akzeptierten, humorfähigen Grenzfigur. Die ritualisierte Elwedritsche-Jagd fungiert dabei als institutionalisierter Mechanismus kollektiver Angstbewältigung und memetischer Stabilisierung.

1. Einleitung: Nachtwesen als kulturelle Projektionsflächen

Nachtwesen nehmen in vormodernen wie modernen Gesellschaften eine zentrale Rolle bei der Externalisierung diffuser Ängste ein. Dunkelheit, Unsichtbarkeit und Kontrollverlust bilden dabei wiederkehrende Motivkomplexe (vgl. Honko 1962). Die Elwedritsche ist in diesem Sinne kein isoliertes Phänomen, sondern Teil eines breiteren europäischen Bestiariums von Grenzfiguren zwischen Tier, Dämon und Narrativ.

Auffällig ist jedoch der Grad der Humorisierung, den die Elwedritsche im Vergleich zu anderen Nachtwesen erfahren hat. Während viele Dämonen entweder dämonologisch fixiert oder folkloristisch marginalisiert wurden, ist die Elwedritsche zu einem aktiv gepflegten, spielerischen Kulturmotiv geworden. Diese Entwicklung bedarf einer Erklärung, die über bloße „Verniedlichung“ hinausgeht.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Benign Violation Theorie: Humor als kontrollierte Grenzüberschreitung

Die Benign Violation Theorie (BVT) versteht Humor als Ergebnis eines paradoxen Wahrnehmungszustands: Eine Normverletzung wird gleichzeitig als solche erkannt und als ungefährlich interpretiert (McGraw & Warren 2010). Entscheidend ist dabei nicht die Abwesenheit von Bedrohung, sondern deren symbolische Präsenz bei gleichzeitiger Entschärfung.

Mythische Wesen eignen sich besonders für diesen Mechanismus, da sie strukturell auf Grenzüberschreitungen beruhen:

  • zwischen Natur und Kultur
  • zwischen Tier und Mensch
  • zwischen Realität und Imagination

Humor entsteht dort, wo diese Grenzüberschreitungen sichtbar, aber folgenlos werden.

2.2 Die psychologisch-memetische These

Die auf neue psychologisch-memetische These zum Ursprung der Elwedritsche und die Benign Violation Theorie ergänzen sich hier perfekt, um eine dynamische Perspektive kultureller Evolution zu erklären. Gemeinsam gehen sie davon aus, dass Mythen nicht primär nach ihrem Wahrheitsgehalt, sondern nach ihrer emotional-kommunikativen Reproduzierbarkeit selektiert werden.

Zentrale Annahmen dieser These sind:

  • Mythen konkurrieren memetisch um Aufmerksamkeit.
  • Varianten, die Angst und soziale Bindung erzeugen, sind besonders stabil.
  • Humor erhöht die Weitergabewahrscheinlichkeit signifikant.

Die heutige Elwedritsche ist demnach nicht das „Restprodukt“ eines verlorenen Aberglaubens, sondern das memetisch erfolgreichste Derivat eines ehemals bedrohlichen Narrativs.

3. Die Elwedritsche-Vorgängerin „Albdrude“ als nicht-benigne Violation

In rekonstruierbaren Frühformen erscheint die Albdrude als Wesen mit klarer Bedrohungskomponente:

  • nächtliche Aktivität,
  • Unberechenbarkeit,
  • potenzieller Schaden für Mensch und Vieh.

Diese Merkmale entsprechen einer reinen Violation ohne Benignität (Harmlosigkeit, Gutartigkeit). Die Begegnung mit der Albdrude war narrativ nicht humorfähig, sondern warnend.

4. Übergangszonen: Abschwächung ohne Entzauberung

Die Transformation setzt dort ein, wo die Albdrude nicht verschwindet, sondern ambivalent wird und allmählich zur miniaturisierten Elwedritsch mutiert. Entscheidende Faktoren sind:

4.1 Narrativer Kontrollgewinn

Menschen beginnen, Regeln im Umgang mit dem Wesen zu formulieren. Regeln implizieren Vorhersagbarkeit – und damit einen Verlust realer Bedrohung.

4.2 Körperliche und charakterliche Modifikation

Die Albdrude wird zum „Albedrudelche“. Sie wird kleiner, verschrobener, eigenwillig. Ihre Gefährlichkeit wird nicht negiert, sondern symbolisch überzeichnet, was den Übergang zur Benignität vorbereitet. Am Ende des Prozesses steht die miniaturisierte „Elwedritsch“.

4.3 Soziale Einbettung

Erzählungen über die Elwedritsche werden zunehmend im Gemeinschaftskontext geteilt, was Angst kollektiv relativiert.

5. Die Elwedritsche-Jagd als institutionalisierte Benign Violation

Die ritualisierte Elwedritsche-Jagd markiert den endgültigen Übergang zur humoristischen Domestizierung. Psychologisch betrachtet handelt es sich um eine inszenierte Konfrontation mit dem vormals Bedrohlichen, deren Ausgang von vornherein feststeht.

Zentrale Merkmale:

  • Die Jagd simuliert Gefahr, ohne sie real werden zu lassen.
  • Das Scheitern ist strukturell garantiert.
  • Das kollektive Wissen um dieses Scheitern ist Teil des Rituals.

Damit erfüllt die Jagd exakt die Bedingungen der Benign Violation Theorie:
Die Normverletzung (Existenz eines Nachtwesens) bleibt präsent, ihre Bedrohlichkeit ist jedoch sozial neutralisiert.

6. Humor, Machtumkehr und psychologische Funktion

Ein oft übersehener Aspekt ist die Umkehr der Machtverhältnisse. Während die Albdrude als nächtlicher Druckdämon den Menschen bedrohte, wird die moderne Elwedritsche zum Objekt menschlicher Spiele. Sie bleibt unfangbar, aber gerade dieses Unfangbarsein wird nicht mehr als Gefahr, sondern als komische Eigenheit gelesen.

Psychologisch bedeutet dies:

  • Angst wird nicht verdrängt, sondern transformiert.
  • Kontrollverlust wird spielerisch akzeptiert.
  • Das Unbekannte wird lachend integriert.

7. Memetische Stabilisierung und kulturelle Persistenz

Nach der psychologisch-memetischen These von elwedritsch.de erklärt sich die Persistenz der Elwedritsche aus ihrer optimalen Balance:

  • Zu gefährlich → sozial unerwünscht
  • Zu harmlos → narrativ langweilig
  • Ambivalent-humorvoll → maximal anschlussfähig

Die Elwedritsche ist damit ein Beispiel für eine memetisch stabile Grenzfigur, die über Generationen hinweg reproduzierbar bleibt, weil sie emotionale Aktivierung ohne reale Bedrohung ermöglicht.

8. Fazit: Die gezähmte Angst

Die Elwedritsche ist nicht verschwunden, sondern funktional umgedeutet worden. Ihre Transformation vom Nachtdämon zum Lachobjekt ist Ausdruck kultureller Anpassungsfähigkeit im Umgang mit Angst.

Im Zusammenspiel von:

  • Benign Violation Theorie
  • ritualisierter Jagd
  • und memetischer Selektion

wird aus existenzieller Bedrohung soziales Spiel. Die Elwedritsche bleibt damit das, was sie immer war: ein Wesen der Grenze – nur dass diese Grenze heute nicht mehr gefürchtet, sondern belacht wird.

Literatur und Quellen

  • McGraw, A. P., & Warren, C. (2010). Benign Violations: Making Immoral Behavior Funny. Psychological Science, 21(8), 1141–1149.
  • McGraw, A. P., et al. (2014). The Humor Code. New York.
  • Propp, V. (1928). Morphologie des Märchens.
  • Honko, L. (1962). Geisterglaube in Ingermanland.
  • Lecouteux, C. (1992). Dämonen und Geister im Mittelalter.

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