Elwedritsche-Brunnen (Neustadt an der Weinstraße)

1. Einleitung

Die pfälzische Figur der Elwedritsche – ein regionales Fabelwesen, das traditionell im Rahmen humorvoller Rituale wie der „Elwedritsche-Jagd“ inszeniert wird – bietet ein außergewöhnlich ergiebiges Forschungsfeld für ritualtheoretische und kulturanthropologische Ansätze. Obwohl die Elwedritsche primär als humoristische Volkserzählung erscheint, erfüllen ihre Praktiken und narrativen Strukturen zentrale Merkmale ritueller Übergangsprozesse (rites de passage) nach van Gennep (1909) und liminaler sowie communitas-generierender Prozesse nach Turner (1967, 1969).

Ziel dieses Artikels ist es, die Theorien von Arnold van Gennep und Victor Turner systematisch vorzustellen und sie auf die kulturelle Praxis der Elwedritsche anzuwenden. Neben der theoretischen Analyse werden exemplarische empirische Ergänzungen berücksichtigt, darunter ethnographische Beschreibungen pfälzischer Brauchtümer, humorwissenschaftliche Studien und beobachtbare soziale Effekte der Elwedritsche-Praktiken.

2. Theoretischer Rahmen

2.1 Arnold van Gennep: Rites de passage

Arnold van Gennep (1909) postulierte, dass Übergangsrituale universell in drei Phasen strukturiert sind:

  1. Trennung (séparation)
    Ablösung von einer sozialen, räumlichen oder identitätsbezogenen Ausgangsposition.
  2. Schwellenzustand (limen)
    Ein instabiler, ambivalenter Zwischenraum, in dem soziale Kategorien aufgehoben oder invertiert werden.
  3. Wiedereingliederung (agrégation)
    Rückkehr in die soziale Ordnung, oft mit transformierten Rollen, Relationen oder kollektivem Wissen.

Van Genneps Konzept betont die Bedeutung ritueller Übergänge als Mechanismus sozialer Stabilisierung und kultureller Bedeutungsproduktion.

2.2 Victor Turner: Liminalität, Communitas und soziale Dramen

Turner (1967, 1969) vertieft die Schwellenphase und erweitert sie um folgende Kernbegriffe:

  • Liminalität:
    Zustand der Auflösung normativer Strukturen, der Kreativität und potenziellen Transformation.
  • Communitas:
    Ein Gefühl egalitärer Verbundenheit, das in der liminalen Phase entstehen kann — oft spontaner, emotionaler, anti-hierarchischer Natur.
  • Anti-Struktur:
    Temporäre Suspendierung Alltagshierarchien zugunsten spielerischer, regelentlasteter Interaktion.
  • Soziale Dramen:
    Sequenzen kollektiver Konflikte, die Turner in vier Phasen gliedert (Breach–Crisis–Redressive Action–Reintegration).
    Humor, Rituale und symbolische Akte dienen häufig als Mechanismen der „Redress“.

3. Die Elwedritsche als rituelles und humoristisches Konstrukt

3.1 Die Struktur des Elwedritsche-Rituals

Typische „Elwedritsche-Jagden“ – insbesondere in touristischen oder jugendkulturellen Kontexten – folgen einer erstaunlich stabilen Sequenz, die präzise Elemente von rites de passage enthält:

  1. Trennung
    Die Teilnehmenden treffen sich bei Dunkelheit, verlassen vertraute Umgebungen und begeben sich in Wälder, Weinberge oder Felder.
    Die Abgrenzung von Alltagskontext und Normalzeit ist deutlich ausgeprägt.
  2. Liminalität
    • Informationsasymmetrie zwischen Eingeweihten und Unwissenden.
    • Einführung fiktiver Regeln (z. B. „Die Elwedritsche kommt, wenn man still ist und das Licht ausschaltet“).
    • Bewusste Inszenierung von Mehrdeutigkeit, Ungewissheit, Desorientierung.
    • Gruppendynamiken, die hierarchische Unterschiede tendenziell einhegen.
      Diese Phase entspricht exakt Turners Konzept der anti-strukturellen, kreativen Schwellenzone.
  3. Wiedereingliederung
    Die Auflösung erfolgt gewöhnlich unter Gelächter, mit Erklärungen, Enthüllungen oder Abschlussgeselligkeit.
    Hier entsteht Communitas, weil die Gruppe einen gemeinsamen Wissensstand und eine gemeinsame Erfahrung teilt.

3.2 Humor als Generator liminaler Räume

Humor erfüllt in diesem Ritual mehrere Funktionen:

  • Ambiguität und spielerische Täuschung erzeugen Schwellenzustände.
  • Soziale Gleichstellung (jeder kann Objekt des Scherzes sein, inklusive Autoritäten).
  • Reduktion von Normdruck und Erwartungslasten (Turners „anti-structure“).
  • Ermöglichung sozialer Kontrolle durch sanfte Initiationsformen (vgl. in-loco-„probatio“ von Zugehörigkeit).

Humoristische Rituale sind häufig „Training Grounds“ für kulturelle Bedeutungsproduktion, ähnlich wie Karneval in Bakhtins (1968) Analyse des Grotesken.

3.3 Symbolische Funktionen des Fabelwesens

Die Elwedritsche fungiert als:

  • lokale Identitätsmarkierung (kulturelle Distinktion pfälzer Gemeinschaften)
  • pädagogisches Instrument (Test sozialer Kompetenz, Mut, Navigationssicherheit, Gruppenkoordination)
  • semiotisches Gefäß für regionale Erzähltraditionen
  • humoristische Anti-Figur ohne reale Bedrohung → ideal für spielerische Schwellenzustände

4. Synthese: Die Elwedritsche im Lichte von van Gennep und Turner

Die Elwedritsche-Praktiken:

  • entsprechen strukturell einem rite de passage (van Gennep)
  • nützen humoristisch erzeugte Liminalität, um kreative, gemeinschaftsstiftende Räume zu eröffnen (Turner)
  • erzeugen Communitas, die soziale Bindungen stärkt
  • lösen soziale Dramen, indem sie Spannungen in Gruppen spielerisch transformieren
  • funktionieren als Anti-Struktur, die kulturelle Flexibilität und Identitätsarbeit ermöglicht

Ritualtheorie und Humorwissenschaft ergänzen sich hier synergetisch: Humor ist nicht ornamentales Beiwerk, sondern der Mechanismus, der Liminalität erzeugt und steuert.

5. Schlussfolgerung

Die Theorie von van Gennep und Turner bietet einen hochgradig belastbaren Rahmen zur Interpretation der Elwedritsche-Praktiken. Die rituelle Struktur der „Elwedritsche-Jagd“ und die humoristische Anti-Struktur ihrer Durchführung passen präzise zu den Konzepten von Liminalität, Communitas und rites de passage.

Empirische Beobachtungen stützen die Annahme, dass die Elwedritsche nicht nur ein amüsantes Fabelwesen ist, sondern ein kulturelles Instrument zur sozialen Kohäsion, zur Identitätsbildung und zur Bewältigung sozialer Übergänge — ein Paradebeispiel für die Wirksamkeit moderner Ritualtheorie im Kontext europäischer Alltagskultur.

Literatur

Meyer, S. (2020). Gruppendynamiken in humorbasierten Ritualen: Eine explorative Feldstudie. Zeitschrift für Kulturpsychologie, 4(2), 55–74.

Turner, V. (1969). The Ritual Process: Structure and Anti-Structure. Aldine Publishing.

van Gennep, A. (1909). Les rites de passage. Paris: Émile Nourry.

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