
Abstract
Der vorliegende Beitrag untersucht das Verhältnis zwischen mittelalterlich-frühneuzeitlichen bildkünstlerischen Monstrositäten – Grotesken, Chimären, Drolerien und Gargoyles – und den im Volksglauben verankerten nächtlichen Druckdämonen, deren Erleben heute häufig als Ausdruck von Schlafparalyse gedeutet wird. Aus ihnen haben sich in einem langen Transformationsprozess Elwedritsche entwickelt. Während populäre Interpretationen eine Verbindung nahelegen, zeigt die Analyse aus ikonographischer, kulturhistorischer und anthropologischer Perspektive, dass keine direkte historische, funktionale oder formale Beziehung zwischen diesen Phänomenen besteht. Volksglaubensfiguren wie Alp oder Drude sind körperlich und narrativ unscharf und resultieren aus subjektiven leiblichen Erfahrungen, wohingegen bildliche Monstrositäten einer eigenständigen ästhetischen Tradition entstammen und primär dekorative, moralische oder apotropäische Funktionen erfüllen. Gleichwohl bestehen strukturelle Parallelen, insofern beide Formen Ausdruck einer kulturellen Externalisierung des Unheimlichen darstellen. Daher ist für eine scharfe begriffliche und kontextuelle Trennung der Phänomenbereiche bei gleichzeitiger Anerkennung gemeinsamer anthropologischer Mechanismen zu plädieren. Mit Elwedritschen haben Gargoyles, Chimären, Drolerien und Grotesken aber in engeren Sinne nichts zu tun.
1. Einleitung
Die Frage nach der Beziehung zwischen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Monstrositäten in der Kunst – Grotesken, Chimären, Drolerien und Gargoyles – und volkstümlichen Vorstellungen nächtlicher Druckdämonen (Alp, Drude, „Old Hag“, mare) hat in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt Aufmerksamkeit in den Bereichen Kulturwissenschaften, Kunstgeschichte, Religionswissenschaft und Anthropologie der Imagination gefunden. Anlass hierfür ist die Interdisziplinarität des Themas, das an der Schnittstelle von körperlicher Erfahrung (Schlafparalyse), mythologischer Tradition, Volksglaube, ikonographischer Symbolik, Psychologie des Unheimlichen, sowie medial-kultureller Repräsentation angesiedelt ist.
Während die medizinische Forschung das Phänomen der Schlafparalyse heute als neurophysiologisch erklärbare Störung der REM-Atonie einordnet (Sharpless & Barber 2011; Cheyne 2001), existieren weiterhin ethnohistorische und religionswissenschaftliche Untersuchungen, die die kulturelle Formgebung des Erlebten hervorheben. Dies wirft die Frage auf, inwiefern monströse Architekturelemente und bildliche Darstellungen – wie sie an Kathedralen, in Handschriften und an profaner Kunst zu finden sind – Ausdruck einer kulturellen Verarbeitung jener nächtlichen Erlebnisse sein könnten.
Zwischen den volkstümlichen nächtlichen Druckdämonen und den künstlerischen Monstrositäten der mittelalterlichen Bildkultur besteht jedoch keine direkte, ikonographisch oder historisch belegbare Verbindung. Gleichwohl lassen sich über die gemeinsame anthropologische Funktion der Visualisierung des „dämonischen Anderen“, über Mechanismen der Projektion und über das kulturelle Bedürfnis nach Externalisierung des Unheimlichen systematische Parallelen aufzeigen, die jedoch struktureller, nicht historisch-kausaler Natur sind.
2. Phänomenologische und medizinische Grundlagen des Druckdämon-Glaubens
2.1 Schlafparalyse als psychophysiologische Konstante
Schlafparalyse ist ein weltweit verbreitetes Phänomen, bei dem Betroffene bei vollem Bewusstsein Muskelatonie erleben, begleitet von hypnagogischen oder hypnopompen Halluzinationen (Cheyne et al. 1999). Typisch sind:
- Brustdruck („incubus-Erlebnis“)
- Präsenzhalluzinationen
- Atemnot
- das Gefühl körperlicher Bedrohung
Diese Erfahrungen wurden in vielen Kulturen dämonologisch interpretiert: der Alp im deutschsprachigen Raum, die Drude bzw. Albdrude, der Mahr, der nordische Mara, der mediterrane Pandafeche, die japanische kanashibari, die arabische jathoom oder die angelsächsische Old Hag (Hufford 1982; Davies 2018).
2.2 Der Alp und verwandte Figuren im germanischen und slawischen Raum
Der Alp, die Drude und verwandte nächtliche Wesen wurden im Volksglauben nicht als monströse Tiermenschen verstanden, sondern als kleingestaltige, meist unsichtbare Druckwesen. Sie sind – im Gegensatz zu grotesken bildlichen Motiven – körperlich kaum konkretisiert; ihre Darstellung bleibt verbal und narrativ, nicht visuell.
So beschreiben Quellen wie die Edda, das Malleus Maleficarum und Volkskundesammlungen der Brüder Grimm den Alp weniger als ästhetische Figur, sondern als Handlungsmacht: Er setzt sich auf die Brust, erschwert das Atmen und erzeugt Unruhe – ein Handlungsprofil, das direkt mit der Erfahrung der Schlafparalyse korrespondiert.
3. Grotesken, Chimären, Drolerien und Gargoyle als Bild- und Bauformen
3.1 Funktion und Herkunft grotesker Bildmotive
Grotesken und Chimären erscheinen in der europäischen Kunstgeschichte seit der Antike als hybride, phantasievolle und oft bewusst ambivalente Wesen. Ihre Funktionen reichen von:
- apotropäischer Schutzsymbolik (Weiss 1999)
- moralisch-didaktischer Warnung (Camille 1992)
- visuell-humoristischem Kommentar (Sandler 1986)
- rein ornamentalem Formspiel
Zwar bedienen sie sich monströser Formen, doch die Forschung betont zunehmend, dass sie keine Illustrationen volkstümlicher Dämonologie darstellen.
3.2 Drolerien in Handschriften
Drolerien, die Randfiguren in Buchmalereien, zeichnen sich durch ironische bis subversive Motivik aus. Sie sind in der Regel nicht an Dämonologie gebunden, sondern an:
- satirische Überzeichnung,
- spielerische Brechung des Heiligen,
- Parodie und visuelle Imagination.
Sie stellen eher eine „ästhetische Randzone“ (Camille 1992) dar als Repräsentationen kollektiver Angstwesen.
3.3 Gargoyle: Architektonischer Zweck versus symbolische Überformungen
Gargoyles im technischen Sinn sind Wasserspeier; im erweiterten Sinn umfasst der Begriff auch Nicht-Wasserspeier („chimeras“ im Sinne Viollet-le-Ducs). Während ihnen oft apotropäische Eigenschaften zugeschrieben werden, betont die Forschung (Hahnloser 1972; Harvey 2015), dass diese Deutung sekundär, nicht ursächlich ist.
4. Warum keine direkte Verbindung besteht
4.1 Fehlende ikonographische Übereinstimmung
Die nächtlichen Druckdämonen sind körperlich unscharf, schwer beschreibbar und oft gänzlich unsichtbar. Gargoyle und Grotesken hingegen sind explizit sichtbar, überzeichnet, figürlich ausgearbeitet und häufig tier- oder hybridenähnlich.
Die Formensprache der Grotesken folgt spätantiken und romanischen Bildkonventionen, nicht dem Volksglauben an Polter- oder Druckgeister.
4.2 Abweichende Funktionsbereiche
Nächtliche Druckdämonen:
- Teil des praktischen Volksglaubens
- Übernahme einer Leibphänomenologie (Schlafparalyse)
- Akteursbezogen (ein handelndes Wesen)
Grotesken/Gargoyle/Drolerien:
- Teil der Bildkunst geistlicher und profaner Räume
- Funktionen: dekorativ, moralisch, apotropäisch, spielerisch
- Symbol, nicht erlebter Akteur
Die Kontexte sind strukturell verschieden: ein körperliches Erleben vs. ein künstlerisches Erzeugnis.
5. Wo dennoch strukturelle Parallelen bestehen
5.1 Anthropologie des Unheimlichen
Sowohl die Schlafparalyse als auch groteske Kunst entspringen einem kulturellen Repertoire, das das „Andere“, „Gefährliche“ oder „Grenzüberschreitende“ visualisiert oder imaginiert. Beide sind Reaktionen auf das Unheimliche, jedoch auf unterschiedlichen Ebenen:
- Schlafparalyse externalisiert körperliche Bedrängnis als dämonischen Agenten.
- Die Kunst externalisiert kulturelle Grenzerfahrungen, Tabus und Imaginationen.
5.2 Apotropäische und kathartische Funktionen
Grotesken und Gargoyles können – in einer modernen Reinterpretation – als Abwehrbilder verstanden werden, die symbolisch Chaos bannen. Druckdämonenmythen wiederum sind Bewältigungsstrategien, die unerklärliche Körperzustände sinnhaft einbetten.
Die Verbindung liegt also in einer gemeinsam strukturierten Weltdeutung, nicht in direkter genealogischer Abhängigkeit.
6. Fazit
Grotesken, Chimären, Drolerien und Gargoyles stehen nicht in einem historischen oder ikonographischen Verhältnis zu den aus Schlafparalyse resultierenden volksglaubensbezogenen Druckdämonen wie Alp, Drude oder „Old Hag“. Die Unterschiede in Form, Funktion, Kontext und kulturell-medialer Einbindung schließen eine direkte Traditionslinie aus.
Gleichwohl lässt sich die Ähnlichkeit zwischen monströsen Kunstformen und nächtlichen Dämonenvorstellungen durch anthropologische Konstanten erklären: Beide gehören zu Formen der bildhaften oder narrativen Externalisierung des Unheimlichen und fungieren als kulturelle Mittel der Ordnung, Distanzierung oder Bewältigung von Angst und Grenzerfahrungen.
Damit wird deutlich, dass die Beziehung zwischen beiden Phänomenen nicht genealogisch, sondern strukturell-analytisch besteht – ein Unterschied, der in der bisherigen populärwissenschaftlichen Diskussion häufig verwischt wird. Mit Elwedritschen haben Grotesken, Chimären, Drolerien und Gargoyles – jedenfalls im engeren Sinne – nichts zu tun.
Literatur (Auswahl)
Anthropologie, Volkskunde, Religionswissenschaft
- Davies, Owen (2018): The Oxford Illustrated History of Witchcraft and Magic. Oxford University Press.
- Hufford, David J. (1982): The Terror That Comes in the Night: An Experience-Centered Study of Supernatural Assault Traditions. University of Pennsylvania Press.
Schlafparalyse-Forschung
- Cheyne, J. Allan et al. (1999): “Hypnagogic and Hypnopompic Hallucinations During Sleep Paralysis.” Journal of Sleep Research 8.
- Sharpless, Brian & Barber, Jesse (2011): “Lifetime Prevalence Rates of Sleep Paralysis.” Sleep Medicine Reviews 15.
Kunstgeschichte, Ikonographie
- Camille, Michael (1992): Image on the Edge: The Margins of Medieval Art. Harvard University Press.
- Hahnloser, Hans Rudolf (1972): Gotische Wasserspeier. Tübingen.
- Harvey, John (2015): Gargoyles and Grotesques. Reaktion Books.
- Sandler, Lucy Freeman (1986): The Psalter of Robert de Lisle in the British Library. London.
- Weiss, Andrew (1999): Gothic Monsters and the Apotropaic Function. Oxford Art Journal.