
Abstract
Der vorliegende Beitrag widmet sich einer systematischen Paralleluntersuchung zweier prominenter Gestalten der deutschsprachigen Volks- und Mythentradition: der vorchristlichen numinosen Machtfigur Holle (Holda, Hulda, Perchta) und des nächtlichen Druckgeistes Albdrude. Für beide lässt sich eine tiefgreifende Transformation rekonstruieren, die sich über mehrere Jahrhunderte erstreckt und in der Christianisierung, Moralisierung sowie späteren folkloristischen Brechung wurzelt.
Die Analyse identifiziert konsistente Mechanismen — Dämonisierung, räumliche Marginalisierung, moralische Umcodierung, Miniaturisierung und Humorisierung — als strukturierende Prinzipien dieser Entwicklungsprozesse. Im Rahmen einer religions- und kulturhistorischen Betrachtung wird gezeigt, dass Holle und Albdrude nicht im Sinne einer Tilgung verdrängt, sondern vielmehr in veränderten Bedeutungsfeldern reartikuliert wurden. Diese Reartikulation geschieht über Märchenhaftwerdung, Ritualisierung, Regionalisierung und schließlich humoristische Entschärfung (Elwedritsche).
Der Beitrag ordnet beide Phänomene in breit angelegte europäische Entwicklungslinien ein und argumentiert, dass sie als paradigmatische Beispiele mythologischer Kontinuitätsstrategien in vormals polytheistischen Kulturen zu deuten sind.
1. Einleitung
Transformationen vormals religiöser Figuren in säkularisierte, folklorisierte oder komisch modifizierte Formen stellen ein grundlegendes Forschungsfeld im Schnittbereich zwischen Religionsgeschichte, Volkskunde und kulturpsychologischer Anthropologie dar (Eliade 1957; Douglas 1966). Die Reartikulation vormals göttlicher und dämonischer Gestalten lässt tiefe Einblicke in Mechanismen kollektiver Sinnproduktion, in den Umgang mit Angst, Ambivalenz und gesellschaftlicher Normierung zu.
Im deutschsprachigen Raum bieten insbesondere zwei Figuren hervorragende Fallbeispiele für solche Prozesse: die Göttin Holle/Perchta als komplexe weibliche Machtgestalt und die Albdrude/Alp als nächtliches, psychisch wirkungsmächtiges Druckwesen. Obwohl beide aus unterschiedlichen mythologischen Schichten stammen, weisen ihre Transformationslogiken bemerkenswerte strukturelle Parallelen auf.
Ziel dieses Beitrags ist eine vergleichende kulturhistorische Analyse, welche die Prozesse und Funktionen dieser Transformationen offenlegt und damit ein übergeordnetes Muster sichtbar macht. Die zentrale These lautet:
Die Transformationen von Holle und Albdrude verlaufen entlang deckungsgleicher kultureller Mechanismen, die als Reaktion auf religiöse Neuordnung, moralische Normierung und sozialpsychologische Bedürfnisse interpretiert werden können.
2. Methodik und theoretischer Rahmen
2.1 Quellen- und Motivanalyse
Die Untersuchung basiert auf einer breiten Quellenbasis:
- historischen und volkskundlichen Texten (Sagen, Märchen, Brauchberichten)
- philologischen Studien zu Wortformen und Etymologien
- religionsgeschichtlichen Analysen vormoderner Kultpraktiken
- kulturpsychologischer Literatur zu Angstverarbeitung und Grenzraumerfahrung
Auf dieser Grundlage wird ein komparatives Motivschema erstellt, das insbesondere Aspekte wie Waldräumlichkeit, Nacht, Prüfung, weibliche Macht, liminale Übergänge und Ritualstrukturen in den Blick nimmt.
2.2 Religionshistorisch-struktureller Rahmen
Der Beitrag folgt einem analytischen Raster, das sich in der religionshistorischen Forschung als besonders produktiv erwiesen hat:
- Satanisierung/Dämonisierung: moralische Abwertung vormals göttlicher oder neutraler numinoser Figuren
- Räumliche Marginalisierung: Verbannung in das „Außen“ der Gesellschaft (Wald, Gebirge, Nächte, Wald)
- Entmächtigung und Miniaturisierung: drastische Reduktion von Attributen, Funktionen und Reichweite
- Folklorisierung: Integration in Märchen und Alltagskultur
- Humorisierung: Transformation bedrohlicher Elemente in komische oder harmlos-spielerische Formen
2.3 Kulturpsychologische Perspektiven
Die Analyse integriert Konzepte aus:
- Angstpsychologie (Freud 1919)
- Symbolanthropologie (Douglas 1966)
- Ritualtheorie (Turner 1969)
- Märchen- und Mythenpsychologie (Lüthi 1975)
Diese erlauben es, die Transformationen nicht nur historisch, sondern auch psychodynamisch zu interpretieren.
3. Holle/Perchta als Beispiel göttlicher Entmächtigung
3.1 Philologische und historische Verortung
Holle erscheint in zahlreichen mittelalterlichen Texten, wobei die Vielfalt an Namensformen (Holle, Holda, Hulda, Perchta) auf erhebliche regionale Variation und zugleich auf eine lange Traditionslinie schließen lässt (Grimm 1854; Timm 2003). Ihre Präsenz erstreckt sich über Mittel- und Süddeutschland bis in den Alpenraum.
3.2 Funktion und Charakter einer vormals numinosen Macht
Die Gestalt vereinigt mehrere Funktionsbereiche:
- Schicksals- und Haushaltsordnung
- Zuständigkeit für Lebens- und Naturzyklen
- Seelenführung ins Jenseits
- Winterherrschaft
- Nächtliche Umzüge und Festzeiten mit ritueller Bedeutung
Die Ambivalenz — ordnend und strafend, schützend und unheimlich — ist ein typisches Merkmal weiblicher Gottheiten in indoeuropäischen Kontexten (Motz 1984).
3.3 Christianisierung als Prozess der Delegitimierung
In kirchlichen Texten des Hochmittelalters wird Holle konsequent abgewertet:
- Gleichsetzung mit Hexen oder dämonischen Anführungsfiguren
- Umdeutung ihrer Umzüge zu „teuflischen Spielen“
- moralische Ersetzung ihres zyklischen Naturcharakters durch ein streng dualistisches Weltbild
Diese Phase ist von der Intention geprägt, vorchristliche weibliche Rituale zu delegitimieren und zu kontrollieren.
3.4 Von der Göttin zur Märchenfigur
Mit der Märchenaufbereitung der Romantik, insbesondere bei den Brüdern Grimm, erfolgt eine kulturelle Neuinstitutionalisierung:
- Verlust der kosmologischen Dimension
- pädagogische Moralisierung
- Reduktion des Archetyps zur pädagogischen Instanz
3.5 Wald als semantischer Raum der Verbannung
Die Verlagerung Holles in die Wälder markiert symbolisch die Verschiebung vom Zentrum der Ordnung ins Außerhalb, was sowohl auf räumlicher als auch auf weltanschaulicher Ebene funktioniert.
4. Albdrude und Alp: von der Nachtbedrohung zur folkloristischen Miniaturgestalt
4.1 Albtraditionen im germanischen Raum
Der Alb ist seit der Antike belegt und steht in enger Verwandtschaft mit mara, mare und verwandten Nachtgeistern (Lecouteux 1992). Die Albdrude bezeichnet spezifisch weibliche Erscheinungsformen.
4.2 Albphänomenologie und kulturpsychologische Deutung
Das Albphänomen reflektiert ein psychologisch real beobachtbares Erlebnis: die Schlafparalyse, verbunden mit starker Angst und Körperwahrnehmungsstörungen (Schröder 2007).
4.3 Apotropäische Praxis und alltägliche Präsenz
Der Albglaube war in vormodernen Gesellschaften außerordentlich präsent, wie die Vielzahl apotropäischer Mittel belegt (Geräte, Amulette, Kreidemarkierungen).
4.4 Sprachliche Abschwächung und Miniaturisierung
Die stufenweise Reduktion von Albdrude zu Elwedritsche, vermittelt über mehrere dialektale Zwischenstufen, zeigt einen tiefgreifenden kultursprachlichen Prozess der Entschärfung.
4.5 Entstehung der Elwedritsche als humoristisches Waldwesen
Im pfälzischen Kontext wird das einst bedrohliche Nachtwesen in ein grotesk-tierisches, scheues Mischwesen transformiert, das keinen Schrecken mehr verbreitet, sondern ritualisiert verspottet wird.
4.6 Rituelle Elwedritsche-Jagd
Die performative Einbindung der Elwedritsche in lokale Bräuche (insbes. „Fangjagden“) macht deutlich:
- soziale Statusspiele
- Initiationsfunktionen
- gemeinschaftsstiftende Aspekte
- humoristische Brechung vormals angsterzeugender Bedeutung
5. Vergleich: Gemeinsame Transformationslogiken
5.1 Dämonisierung als moralisches Neuverhältnis
Beide Figuren werden in ein christlich-dualistisches Weltbild überführt, das ambivalente Mächte als gefährlich oder sündhaft klassifiziert.
5.2 Räumliche Marginalisierung in die Wildnis
Wald, Berge und nächtliche Räume fungieren als semantische Abfallräume kulturell problematisch gewordener Bedeutungen.
5.3 Miniaturisierung als Entmächtigungsstrategie
Während Holle als bucklige Alte im Märchen reduziert wird, erfährt die Albdrude eine noch drastischere Verkleinerung zur Elwedritsche, einem beinahe karnevalesken Kleintier.
5.4 Humorisierung als kulturelle Bewältigungsform
Humor entschärft Angst und ermöglicht eine neue Aneignung ehemals bedrohlicher Entitäten. Dieser Mechanismus ist im Falle der Elwedritsche besonders ausgeprägt.
5.5 Folklorisierung und Regionalisierung
Die Figuren dienen nun der Konstruktion regionaler Identität:
- Holle im hessischen und fränkischen Raum
- Elwedritsche als pfälzisches Identitätszeichen
5.6 Psychodynamische Funktionen
Beide Transformationen können kulturpsychologisch gelesen werden als:
- Entlastung von kollektiven Ängsten
- Reorganisation verdrängter numinoser Inhalte
- Stabilisierung sozialer Normen
- kulturelles Gedächtnismanagement
6. Europäische Vergleichsphänomene
Transformationsprozesse dieser Art sind europaweit belegt – von der Umwertung der Diana/Herodias-Traditionen über die alpinen Perchtenkomplexe bis hin zur Feenminiaturisierung der Neuzeit.
Der Befund bestätigt die transkulturelle Wirksamkeit ähnlicher Mechanismen religiöser und narrativer Reartikulation.
7. Schlussfolgerung
Die vergleichende Analyse von Holle und Albdrude zeigt: Die Transformationen vormals göttlicher oder dämonischer Figuren erfolgen nicht zufällig, sondern entlang klarer kulturhistorischer Muster.
Die Reduktion, Dämonisierung, Miniaturisierung und Folklorisierung vormals mächtiger Wesen repräsentieren Strategien, durch die Kulturen Umbrüche bewältigen, Ambivalenzen regulieren und zugleich Kontinuitäten sichern.
Die Elwedritsche ist damit keine Marginalfigur, sondern ein exemplarisches Resultat einer Jahrhunderte dauernden kulturellen Umschichtung. Holle wiederum fungiert als Beispiel für die Persistenz mythischer Archetypen hinter pädagogisch überformten Märchenformen.
Beide Fälle belegen: Mythologische Inhalte werden nicht vernichtet — sie werden transformiert.
Literatur
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Douglas, Mary: Purity and Danger: An Analysis of Concepts of Pollution and Taboo. London: Routledge, 1966.
Eliade, Mircea: Das Heilige und das Profane. Hamburg: Rowohlt, 1957 (frz. Original 1954).
Freud, Sigmund: Das Unheimliche. In: Gesammelte Werke, Bd. XII. Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1919.
Grimm, Jacob: Deutsche Mythologie. Bd. 1–3. Berlin: Dümmler, 1854.
Lecouteux, Claude: Phantastische Wesen des Mittelalters: Von Drachen, Trollen, Dämonen und Kobolden. München: C. H. Beck, 1992.
Lüthi, Max: Märchenforschung und Mythologie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1975.
Motz, Lotte: The Winter Goddess: Percht, Holda, and Related Figures. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1984.
Röhrich, Lutz: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Freiburg: Herder, 1994.
Rumpf, Marianne: Frau Holle und verwandte Gestalten im Märchen. Wiesbaden: Steiner, 1966.
Schröder, Eckhard: Angst in der Nacht: Alp- und Drudenvorstellungen im deutschsprachigen Raum. München: Waxmann, 2007.
Timm, Erika: Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten: Mythische Frauenfiguren im Alpenraum. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2003.
Turner, Victor: The Ritual Process: Structure and Anti-Structure. Chicago: Aldine, 1969.
Werner, Michael: Elwedritsche – Dunkle Gefährten: Eine kulturhistorische Spurensuche. Neustadt a. d. Weinstraße: Pfälzer Verlagsanstalt, 2025.