Abstract
Die Vorstellung eines nächtlichen „Druckdämons“ (Schlafparalyse-Dämon), der sich auf die Brust des Schlafenden setzt und Atemnot sowie Panik erzeugt, ist in fast allen indoeuropäischen Kulturen mit auffallend ähnlichen Namen und Merkmalen belegt. Der Beitrag rekonstruiert eine proto-indoeuropäische weibliche Dämonin *mór-eh₂ / *mr̥-h₂ „die Quälerin, die Erdrückende“, verfolgt ihre geographische und chronologische Ausbreitung entlang der indoeuropäischen Migrationen und zeigt, dass das Motiv wahrscheinlich bereits in der Yamnaya-Kultur (ca. 3300–2600 v. Chr.) existierte. Am Ende gelangte das Motiv auch in die Pfalz, wo eine späte Nachfahrin der indoeuropäischen Nachtdämonin als Elwedritsche Karriere machte. Ein Beitrag zur Rekonstruktion proto-indoeuropäischer Dämonologie und Schlaflähmungsvorstellungen …

1. Einleitung
Seit dem 19. Jahrhundert ist die auffällige Übereinstimmung von Bezeichnungen wie altnord. mara, altkirchenslaw. mora, frz. cauchemar, ital. incubo und griech. ephialtes bekannt (Grimm 1835; Mannhardt 1859). Moderne folkloristische und neurologische Forschung sieht darin die mythische Verarbeitung der Schlafparalyse (Adler 2011; Hufford 1982). Die Frage nach der Herkunft und Ausbreitung dieses Motivs blieb jedoch lange unbeantwortet.


2. Die proto-indoeuropäische Wurzel und das rekonstruierte Wesen
Die gemeinsame Wurzel ist: PIE *mer- / *mor- „sterben, zerdrücken, quälen, schaden“ (ved. mṛṇā́ti „zerstampft“, lat. morior „sterbe“, lit. mirtì „sterben“, air. marb „tot“).


Davon abgeleitet ein Femininum auf -eh₂:

*mór-eh₂ → proto-germanisch *mārō > altnord. mara, ahd. mara
*mr̥-h₂ → proto-slawisch *mora > russ. кикимора, poln. zmora


Dasselbe Wort liegt dem zweiten Teil von engl. nightmare und frz. cauchemar zugrunde (germanisches Lehnwort im Romanischen). Das rekonstruierte proto-indoeuropäische Wesen war vermutlich: (1) weiblich oder geschlechtsambivalent, (2) nachtaktiv, (3) verursacht Atemnot durch „Draufsitzen“ oder „Reiten“ und ist (4) oft mit Hexerei und Seelenfahrt verbunden.

3. Archäologischer und genetischer Kontext: Yamnaya-Horizont
Die frühesten indoeuropäischen Migrationen erfolgten aus der pontisch-kaspischen Steppe (Yamnaya-Kultur → Schnurkeramik → Glockenbecher → später Skythen, Kelten, Italiker usw.). Genetische Studien (Haak et al. 2015; Allentoft et al. 2015; Reich 2018) zeigen drei große Wellen:

3000–2500 v. Chr. nach Nord- und Westeuropa (Schnurkeramik)
2500–2000 v. Chr. auf den Balkan und nach Griechenland
2000–1000 v. Chr. ostiranische und indoarische Migration nach Zentralasien und Indien.

Das Motiv der Nachtdämonin erscheint in allen drei Zweigen, muss also bereits vor der ersten Aufspaltung (vor 3000 v. Chr.) existiert haben.

4. Die These einer „iranischen Vermittlung“ nach Europa und ihre Widerlegung
Besonders in älterer Literatur (z. B. Wüst 1967; noch teilweise Rosén 1989) wurde behauptet, das Motiv sei spät – erst durch skythische oder sarmatische Reitervölker (also iranische Stämme) im 1. Jahrtausend v. Chr. – nach Mitteleuropa und auf den Balkan gekommen. Diese These ist aus mehreren Gründen unhaltbar: Das Wort mara ist im Germanischen und Slawischen lautgesetzlich und nicht als Lehnwort erklärbar. Die frühesten griechischen Belege (Ephialtes bei Hippokrates, 5. Jh. v. Chr.) liegen lange vor intensiven skythischen Kontakten. Archäogenetisch sind die Träger der Schnurkeramik (die Vorfahren der Germanen, Balten und Slawen) bereits 2900–2400 v. Chr. in Mitteleuropa – also 1500 Jahre vor den ersten Skythen. Das Motiv fehlt weitgehend bei nicht-indoeuropäischen Nachbarn der Skythen (z. B. finno-ugrischen Völkern bis ins 19. Jh.). Die Einwanderung erfolgte demnach viel früher.


6. Indo-iranischer Zweig: Warum kein direkter Name?
Im Vedischen und Avestischen fehlt ein direktes *mara-Äquivalent. Dennoch existiert das Motiv: Rakshasas und Pisacas greifen nachts Schlafende an (Rigveda 10.87.16; Atharvaveda).
Neuindische Sprachen kennen „pisācinī“, „churel“, „yakṣī“, die auf der Brust sitzen und ersticken – oft mit expliziter Erwähnung der Schlafparalyse (Hindi „baukna“). Die lautliche Entwicklung *mór-eh₂ > indo-iran. *már-ī- wäre regulär, wurde aber offenbar durch andere Dämonennamen verdrängt. Das Motiv selbst ist jedoch erhalten.


7. Neurophysiologische Grundlage und kulturelle Universalität
Schlafparalyse tritt bei mindestens acht Prozent der Weltbevölkerung mindestens einmal im Leben auf (American Academy of Sleep Medicine 2014). Die kulturübergreifende Ähnlichkeit der Erlebnisbeschreibung (Druck auf der Brust, Präsenz eines Wesens, Panik) erklärt die auffällige Stabilität des Mythos über 5000 Jahre.


8. Fazit
Die Nachtdämonin *mór-eh₂ gehört zu den am besten belegbaren proto-indoeuropäischen mythischen Figuren. Sie entstand spätestens in der Yamnaya-Kultur der pontisch-kaspischen Steppe und verbreitete sich mit den indoeuropäischen Migrationen nach Westeuropa, auf den Balkan, nach Griechenland und (in abgewandelter Form) nach Indien – nicht erst durch eine späte „iranische Vermittlung“. Das Motiv ist damit eines der ältesten kontinuierlich überlieferten kulturellen Elemente der Menschheit überhaupt. Damit bildet das Motiv eine gute Grundlage für die im weiteren Verlauf der Geschichte in Mitteleuropa entstehenden Nachtdämonen wie Nachtmahr, Alben, Druden und Albdruden. Aus letzteren entwickelten sich schließlich in einem Prozess der Transformation und Verbannung die Elwedritsche.

Literatur

Adler, Shelley R. (2011): Sleep Paralysis: Night-mares, Nocebos, and the Mind-Body Connection. New Brunswick: Rutgers UP.
Allentoft, Morten E. et al. (2015): „Population genomics of Bronze Age Eurasia.“ Nature 522: 167–172.
de Vaan, Michiel (2008) Etymological Dictionary of Latin and the other Italic Languages. Leiden: Brill.
Grimm, Jacob (1835): Deutsche Mythologie. Göttingen.
Haak, Wolfgang et al. (2015): „Massive migration from the steppe was a source for Indo-European languages in Europe.“ Nature 522: 207–211.
Hufford, David J. (1982): The Terror That Comes in the Night. Philadelphia: University of Pennsylvania Press.
Lecouteux, Claude (2011): Phantomwesen und Nachtmahre. Berlin: Reclam (franz. Original 2009).
Mallory, J. P. & Adams, D. Q. (2006): The Oxford Introduction to Proto-Indo-European and the Proto-Indo-European World. Oxford: OUP.
Reich, David (2018): Who We Are and How We Got Here. Oxford: OUP.
Rosén, Hannah (1989): „Skythische Einflüsse auf die europäische Folklore?“ Glotta 67: 45–58.

Rix, Helmut (Hg.) (2001): Lexikon der indogermanischen Verben. 2. Aufl. Wiesbaden: Reichert.
Wüst, Walther (1967): „Iranisches im europäischen Volksglauben.“ Paideuma 13: 112–130.

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