
Einleitung
Bann- oder Ausschlussrituale finden sich in nahezu allen Kulturen und Epochen. Sie fungieren nicht allein als strafrechtliche oder moralische Sanktion, sondern – in verwandter Symbolik – als rituelle Handlung, die eine Gemeinschaft von Störfaktoren befreit, Grenzen klärt, und damit eine „neue Ordnung“ oder einen Neubeginn ermöglicht. Solche Rituale lassen sich etwa in der Form der sozialen Meidung, der Exkommunikation, des Sündenbocks oder der Austreibung von störenden Elementen erkennen. Im Folgenden werden verschiedene Formen dieser Rituale untersucht, ihre Funktionen analysiert und in einen theoretischen Rahmen gestellt.
Dies ist für das Thema „Elwedritsche“ relevant, weil der hinter dem vermeintlichen Fabeltier stehende nächtliche Dämon durch Bannsprüche wie den „Trotterkopf-Spruch“ vertrieben wird. Hier heißt es:

Die Möglichkeit, dass der Dämon nach Erfüllung aller seiner Aufgaben zurückkommen könne und dann willkommen sei („So komm der liebe Tag wieder in mein Haus …“) ist absolut bemerkenswert. Es schließt die Möglichkeit ein, nicht auf Dauer von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Ein faszinierendes Detail, das näher betrachtet werden muss.
Typologie und Fallstudien
1. Kirchliche Exkommunikation und Ausschluss im Mittelalter
Rituale des kirchlichen Banns (Exkommunikation) sind ein klassisches Beispiel: Ein Mitglied wird formal aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen, erhält keine Sakramente mehr, darf nicht an bestimmten Gemeinschaftsformen teilnehmen. Diese Praxis hatte nicht nur juristische oder moralische Dimension, sondern auch eine rituelle Funktion: die „Reinigung“ der Gemeinschaft von dem, der als belastend angesehen wurde.
Beispielhaft belegt etwa die Studie Ecclesia maledicens von Christian Jaser über exkommunikatorische Formen im Mittelalter. Ferner zeigt die Untersuchung Excommunication and Outlawry in the Legal World of Medieval Iceland von Elizabeth Walgenbach die Parallelen zwischen kirchlicher Exkommunikation und weltlicher Ächtung in Island. Funktion: Durch Ausschluss wird dem Gemeinschaftsgefüge signalisiert, dass das verbindende Prinzip (Glaube, Moral, Norm) nicht kompromittiert werden darf. Der Bann markiert Grenze und Differenz — innen vs. außen, rein vs. unrein — und ermöglicht so eine Form von Reinigung und Rückkehr zur Ordnung.
2. Meidung (Shunning) bei der Amish-Gemeinschaft
Bei den Amish ist die Praxis der „Meidung“ (englisch: shunning) als Disziplinierungs- und Reinigungsinstrument gut dokumentiert. So etwa in der Arbeit von Amos Stoltzfus „Amish Shunning: A Ritual of Purity and Shame“. Und eine weitere Übersetzung und Analyse findet sich in An Old Order … Account of the Schisms of Sam Yoder, Abe Troyer‑Jake Stutzman … von Gregory Sheets u. a. Funktion: Die Meidung dient nicht allein dem Ausschluss, sondern implizit einer möglichen Wiederaufnahme nach Reue. Sie trägt zur Reinheit der Gemeinschaft bei, indem verstärkt Normabweichungen sichtbar gemacht und behandelt werden.
3. Sündenbock-Mechanismus und archaische Formen des Ausschlusses
In der anthropologischen Theorie ist das Modell des „Sündenbocks“ (scapegoat) zentral: Ein Individuum oder eine Gruppe wird als Ursache kollektiver Krisen ausgewählt, ausgeschlossen oder geopfert, wodurch die Gemeinschaft eine vermeintliche Reinigung erfährt. Diese Theorie ist besonders eng mit dem Werk René Girard’s verbunden. So heißt es etwa, dass Rituale zur „Re-Inszenierung“ dieses Mechanismus dienen, damit die Gemeinschaft nicht erneut in Chaos gerät. Funktion: Der Ausschluss oder die Opferung des Sündenbocks stabilisiert die Gemeinschaft symbolisch, markiert eine Reinigung von Schuld oder Irrtum und öffnet die Möglichkeit eines Neuanfangs.
Theoretischer Rahmen
Grenzen, Differenz und Gemeinschaftsordnung
Ein zentrales Element all dieser Rituale ist die Herstellung von Grenzen: Wer gehört zur Gemeinschaft? Wer ist draußen? Wer gefährdet die Ordnung? Durch den Ausschluss wird Klarheit über Zugehörigkeit erzeugt, wodurch die Gemeinschaft ihre Integrität bewahrt.
Reinigung durch Ausschluss
In diesen Ritualen steckt ein säubernder Impuls: Der störende Faktor wird entfernt (physisch oder symbolisch), wodurch die Gemeinschaft erneuert werden kann. Der Bann ist somit nicht nur Sanktion, sondern ritueller Reinigungsakt.
Zyklizität und Neubeginn
Viele Rituale sind nicht einfach Endpunkte, sondern markieren einen Übergang – etwa vom Zustand der Krise in einen Zustand der Ordnung. Ausschluss kann temporär oder dauerhaft sein; in manchen Gemeinschaften (wie den Amish) besteht die Möglichkeit der Rückkehr, was den Reinigungscharakter zusätzlich betont.
Symbolische Übertragung – Tiere, Gemeinschaften, Menschen
Metaphorisch finden sich in Vieh- und Herdsymboliken (z. B. Ausschluss eines aggressiven Tieres) ähnliche Muster: Durch Entfernung des störenden Elements wird die Herde – sprich: die Gemeinschaft – geschützt und gereinigt. Diese metaphorische Praxis spiegelt sich im sozialen Ritual wider.
Funktionale Analyse: Warum wirken Bannrituale für die Zukunft?
- Störungskontrolle: Der Ausschluss eines störenden Elements verringert unmittelbar die Wahrscheinlichkeit weiterer Störungen.
- Klarstellung normativer Grenzen: Die Gemeinschaft definiert erneut, welche Normen gelten – und wer bei Abweichung außen steht.
- Symbolischer Neuanfang: Der Bann signalisiert, dass mit dem alten Zustand (mit seiner Störung) Schluss ist — der Weg öffnet sich für einen „reinen“ Zustand.
- Kollektive Psychodynamik: Indem eine Gemeinschaft ein Problemmitglied ausschließt, wird kollektive Schuld externeisiert; das Gruppengefühl wird gestärkt.
- Prävention: Die Aussicht auf Ausschluss kann sozial disziplinierend wirken und damit zukünftige Verstöße vermeiden helfen.
Fazit
Bannrituale – ob in Form von Meidung, Exkommunikation oder Sündenbock-Mechanismen – erfüllen eine doppelte Funktion: Sie sind Sanktion und zugleich Reinigung. Sie markieren Abschied vom Alten – vom störenden Element –, um Raum für das Neue, das Geordnete, das Reine zu schaffen. Insofern wirken sie zukunftssichernd, indem sie die Gemeinschaft stabilisieren und für kommende Herausforderungen vorbereiten. Dennoch bleibt ihr Erfolg nicht garantiert: Der Rückkehr- oder Neubeginn-Aspekt ist entscheidend. Ohne ihn besteht die Gefahr, dass Ausschluss allein erneut Spannungen erzeugt. Für den in die Welt gejagten Dämon „Trotterkopf“ bzw. die in den Wald gejagte „Elwedritsch“ bedeutet das ebenso wie für die abstoßende Gesellschaft, dass sie sich in einer Übergangsphase befinden. Das Alte ist vorbei, aber da die Verbannung noch nicht aufgehoben ist, kann das Neue noch nicht beginnen. Insofern macht es einerseits Sinn, die Schutzmaßnahmen durch rituelle Bannsprüche und apotropäische Symbole aufrecht zu erhalten. Andererseits ist nachvollziehbar, dass man sich den Verbannten z.B. im Rahmen einer Elwedritsche-Jagd nähert, um die Situation einer Prüfung zu unterziehen. Die Jagd nach Elwedritsche ist im übrigen nichts anderes als eine rituelle Aufführung des Trotterkopf-Spruches. Der Dämon erhält ja unlösbare Aufgaben: „Berge – Zaunstecken – Wasser“. Der Jäger einer Elwedritsche-Jagd erhält diese ebenso: „Lichtung – Sack – Laterne“. Beide Versuchsanordnungen haben das Ziel, den Verbannten möglichst lange von der Gesellschaft fernzuhalten. Und beide sollen am Ende geläutert zurückkehren: der verbannte Dämon ebenso wieder der Jäger einer Elwedritsche-Jagd, den man hereingelegt hat.
Literatur
- Girard, René: La Violence et le Sacré (1972). Englisch: Violence and the Sacred.
- Jaser, Christian: Ecclesia maledicens. Rituelle und zeremonielle Exkommunikationsformen im Mittelalter. Mohr Siebeck, 2013.
- Stoltzfus, Amos: Amish Shunning: A Ritual of Purity and Shame. Senior Thesis, Messiah College, 2003.
- Sheets, Gregory; Raber, Dan; Anderson, Cory: “An Old Order Account of the Schisms…” Amish Studies vol. 7 (2) 2019.