
Die Schlange ist eines der ältesten und vielschichtigsten Symbole der Menschheitsgeschichte. Sie steht je nach Kultur für Leben und Tod, Weisheit und Verführung, Heilung und Gefahr. Besonders in der jüdisch-christlichen Tradition ist sie tief mit Vorstellungen von Sünde, Sexualität und Weiblichkeit verknüpft – zentrale Aspekte, wenn man das Alte Testament und die Figur Lilith betrachtet. Im Buch Genesis, dem ersten Buch der Bibel, begegne die Schlange dem Menschen in der Geschichte vom Sündenfall:
„Die Schlange aber war listiger als alle Tiere des Feldes, die Gott der HERR gemacht hatte.“ (Genesis 3,1)
Sie verführt Eva dazu, vom Baum der Erkenntnis zu essen – entgegen Gottes Gebot. Damit wird sie zur Urheberin des Sündenfalls, durch den der Mensch das Paradies verliert. Die Schlange steht hier für Verführung, List und Auflehnung gegen die göttliche Ordnung. Zugleich aber vermittelt sie Erkenntnis, also eine Art bewusstes Menschsein – ein ambivalentes Motiv.
Nach der Tat verflucht Gott die Schlange:
„Auf deinem Bauch sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens.“ (Genesis 3,14)
Diese Stelle hat die westliche Vorstellung der Schlange tief geprägt: als kriechendes, demütiges, aber auch gefährlich-verführerisches Wesen.
Lilith erscheint nicht direkt in der Genesis-Erzählung vom Sündenfall, aber in späteren jüdischen Texten, insbesondere im Alphabet des Bin Sira (ca. 8.-10. Jh. n. Chr.), wird sie als Adams erste Frau beschrieben – erschaffen wie er aus Erde und demnach gleichberechtigt.
Lilith weigert sich jedoch, Adam untertan zu sein, insbesondere beim Geschlechtsverkehr, und verlässt ihn. Dafür wird sie verbannt und dämonisiert: Sie wird zur nächtlichen Dämonin, die Kinder raubt und Männer verführt.
In der mittelalterlichen jüdischen Mystik und in kabbalistischen Texten wird Lilith häufig mit der Schlange im Garten Eden gleichgesetzt oder verbunden. Einige Deutungen sagen:
- Lilith war die Schlange: In dieser Lesart verführte Lilith Eva nicht nur zum Apfel, sondern zur sexuellen Erkenntnis.
- Lilith und die Schlange handeln gemeinsam: Beide stehen für weibliche Unabhängigkeit, Sexualität und das Streben nach Wissen – alles Dinge, die in patriarchalen religiösen Systemen als bedrohlich galten.
So verschmelzen in späteren Interpretationen Schlange und Lilith zu Symbolen eines weiblich codierten, rebellischen Wissens.
Trotz (oder gerade wegen) ihrer negativen Deutung im Christentum blieb die Schlange ein vielschichtiges Symbol:
Die Schlange in der jüdisch-christlichen Tradition ist mehr als nur das Symbol des Bösen. Im Alten Testament wird sie zur Verführerin, zur Gegenspielerin Gottes – aber auch zur Vermittlerin von Erkenntnis. In der Figur Lilith bekommt diese Symbolik eine neue, feministische Lesart: als Ausdruck weiblicher Autonomie und sexueller Selbstbestimmung.
So stehen Schlange und Lilith gemeinsam für die Angst patriarchaler Systeme vor weiblicher Macht – und gleichzeitig für die uralte Verbindung zwischen Weiblichkeit, Natur und Wissen. Was Männern Angst macht, wird in einer männlich dominierten Gesellschaft verbannt: historisch in die Wüste oder eben in den tiefen, dunklen Wald.
