11 Mahre und Dunkelalben

Johann Heinrich Füssli: „Der Nachtmahr“ (1810)

Das Wort „Mahr“ kommt aus der germanischen Wurzel „mer“, was „zerstoßen“ bedeutet. Im Etymologischen Wörterbuch heißt es:

Quelle: https://www.dwds.de/wb/etymwb/Mahr

Weitere Hinweise zur Quellenlage des Lexems „Mahr“ gibt es hier.

Zum Lexem „Alb“ schreibt das Etymologische Wörterbuch:

Quelle: https://www.dwds.de/wb/etymwb/Alb

Schriftliche Belege des Althochdeutschen gibt es erst ab dem 8. Jahrhundert (Stichwort: Abrogans). Tendenziell scheint das Lexem „mara“ (Mahr) älter zu sein. Bei den germanischen Alben wurden zunächst nur „Lichtalben“ und „Schwarzalben“ unterschieden. Lichtalben wurden im Himmel verortet und standen für das Licht, das Gute, die Ordnung. Schwarzalben hingegen lebten in einer unterirdischen Welt. Hier regierte das Böse, das Dunkle, das Chaos.

Der isländische Dichter Snorri Sturluson schrieb im 13. Jahrhundert in seiner Version der Edda, einem Buch skandinavischer Götter- und Heldensagen:

Die Schwarzalben sind in der nordischen Mythologie das Gegenstück zu den Lichtalben und repräsentieren die duale Natur von Gut und Böse, Licht und Schatten. Die Vorstellung von Dunkelalben als Mischung aus Schwarzalben und Lichtalben verdeutlicht die Idee der Dualität und die Möglichkeit, dass das Böse aus einer Art Verfälschung oder Verschiebung des Guten hervorgehen kann. Die Dunkelalben als Produkt einer Mischung sind demnach ein jüngeres Konzept. Mit der Zeit übertrugen sich dämonische Aspekte des „Mahrs“ auf diese neu entstandene Alben-Kategorie. Beide Begriffe bestehen seitdem nebeneinander weiter, mit regionalen Schwerpunkten. Zwei Videos zum Thema „Alben“ bzw. „Mahre“ geben ergänzende Informationen:

Zur Geschichte der Alben
Johann Heinrich Füssli: „Der Nachtmahr“ (1790)

Insgesamt ist es so, dass Alben vielschichtig sind und unterschiedlichen Bereichen des menschlichen Lebensumfelds zugewiesen werden können. In diesen haben sie jeweils nur einen begrenzten Wirkungsbereich. So zählen zu den Alben auch Nixen (See), Wicht (Garten) und Kobold (Haus). Mahre werden in der Nacht aktiv – für diese Klasse etablierte sich auch der generische Begriff „Alb“ (Elbe). Einen ganz guten Überblick über die verschiedenen Alben findet man hier.

An dieser Stelle müssen wir auf Frau Holle zu sprechen kommen: In volkstümlichen Sagen und Mythen wird Frau Holle nicht nur als freundliche Hüterin von Ordnung und Jahreszeiten dargestellt, sondern sie besitzt auch eine dunklere, disziplinierende Seite. Besonders im Bereich der Vorstellungen um Alben (auch „Alben“ oder „Elben“ genannt, in manchen Regionen auch „Alb“ für den Alptraumgeist) wird sie als eine Art Kontrollinstanz gesehen:

  • Die Alben: In der Volksüberlieferung sind Alben geisterhafte Wesen, die den Menschen Leiden zufügen konnten, etwa indem sie Albträume schickten, Krankheiten verursachten oder Druckgefühle während des Schlafs auslösten („der Alb drückt auf der Brust“).
  • Holles Aufsicht: Frau Holle galt als eine Art uralte Ordnungshüterin, die nicht nur über die Natur und die Reinkarnation wachte, sondern auch über die „nächtlichen Geisterwesen“. Sie konnte die Alben zähmen, lenken oder bestrafen, wenn diese das Gleichgewicht verletzten.
  • Bestrafungsinstrument: Manche Erzählungen schildern, dass Frau Holle die Alben auch gezielt einsetzte, um Menschen zu strafen, die gegen soziale oder kosmische Regeln verstießen – etwa durch Faulheit, Respektlosigkeit oder mangelnden Fleiß. Die Alben wurden dann nicht wahllos losgeschickt, sondern dienten als gezieltes Strafgericht.
  • Maß und Ordnung: Damit blieb Frau Holle nicht nur eine Wohltäterin, sondern auch eine Schicksalsmacht, die darauf achtete, dass Menschen ihrem Platz im Jahres- und Lebensrhythmus gerecht wurden. Wer gegen Ordnung und Pflicht verstieß, konnte durch nächtliche Albdrücke oder andere unheimliche Erscheinungen an Frau Holles Willen erinnert werden.

Frau Holle hatte in der volkstümlichen Vorstellungswelt eine Doppelfunktion: Sie belohnte die Rechtschaffenen und Fleißigen (klassisch im Märchen der Gebrüder Grimm mit Goldregen), aber sie konnte auch über die Kontrolle der Alben Strafmaßnahmen verfügen. Damit wurde sie in manchen Traditionen als jene Macht verstanden, die sowohl Glück als auch Leid über die Menschen brachte – je nachdem, wie sehr sie göttliche Ordnung und irdische Pflichten achteten.

Eine übersichtliche Tabelle, die Frau Holles Rolle in der Märchenversion (wie bei den Brüdern Grimm) und in den älteren, volksmythischen Vorstellungen im Zusammenhang mit den Alben gegenüberstellt, sieht wie folgt aus:

AspektFrau Holle im Märchen (Grimm)Frau Holle in mythischen Traditionen (mit Alben)
WesenEine gütige, aber gerechte Hausherrin im Jenseits, die auch belohnt oder bestraftArchaische Schicksalsmacht, mitunter auch göttinnenähnlich; Herrin über Natur, Geister und Alben
BelohnungFleißige Menschen werden mit Goldregen bedachtGehorsame / ordentliche Menschen genießen Schutz vor bösen Geistern (inkl. Alben)
StrafeFaule werden mit Pech übergossenUngehorsame, sündige oder respektlose Menschen werden durch Alben geplagt (Albträume, Schlafdruck)
Mittel zur KontrollePraktische Alltagsarbeit: Betten aufschütteln, Ordnung halten, FleißÜbernatürliche Instanzen: Frau Holle zähmt oder lenkt Alben als Werkzeuge der Strafe
Zeichen im DiesseitsSchnee als Folge des Betten-AufschüttelnsAlbdrücken, Krankheiten, nächtliche Schrecken – Symptome des Eingriffs der Alben
FunktionPädagogische Instanz zur Erziehung von Fleiß, Ordnung und MoralKosmische Ordnungshüterin, die Balance von Naturkräften und menschlichem Verhalten bewahrt

Ein gutes Buch zum Thema findet man hier.