
„Unter der Bezeichnung apotropäische Riten (von griechisch apotrépein „abwenden“; apotrópaios „Unheil abwehrend“) können alle rituellen und symbolischen Handlungen zusammengefasst werden, die der Prävention eines zukünftigen oder der Abwendung eines bereits eingetretenen Übels zumeist transzendenter Ursache dienen. Apotropäische Handlungen sind religionsphänomenologisch ein Teilbereich der Magie. Als Medien für apotropäische Handlungen können unterschiedliche Ritualobjekte, z.B. Figürchen, Amulette, Inschriften, Graffiti, aber auch spezielle rituelle Installationen zur Anwendung gebracht werden.“ Das schreibt Rüdiger Schmitt 2008 auf „die-bibel.de“ Apotropäische Riten waren bereits in Mesopotamien weit verbreitet.

Bei den Römern schützten Altare mit sogenannten „Laren“ (Hausgottheiten) in der Nähe des Hauseingangs die Tür eines Hauses. Neben den männlichen Laren gab es gleichberechtigt weibliche „Matronen“. Diese sollten Garten, Feld und Tieren Fruchtbarkeit gewähren. Vergleichbares findet man noch heute bei den Pennsylvaniadeutschen. Hier schützt das „Bucklich Männlein“, das allerdings in einer Ecke nahe der Feuerstelle wohnt, das Gebäude und seine Bewohner. Es erhält jeden Abend eine Schale Milch. Im Garten werden die „Gleene Leit“ (auch: „Eckleit“) geehrt, die für Fruchtbarkeit sorgen. Im Feld schließlich sorgt eine an Maria Lichtmess aufgestellte Strohfigur – „Butzemann“ genannt – dafür, dass eine Vegetationsgottheit eine körperliche Heimstatt über das Erntejahr hat. Sie nimmt Besitz von dieser Figur und erhält immer wieder Speiseopfer. Details über die Schutz bringenden und Unbill abwehrenden Rituale der Pennsylvaniadeutschen sind im Buch „Elwedritsche – Dunkle Gefährten“ zu lesen. Diese kulturellen Muster sind letzlich Weiterentwicklungen der in der Eisenzeit von Römern – und anderen Völkern wie Germanen, Kelten und Slawen – praktizierten Bräuche. Ihren Ursprung haben sie in der Zeit der Sesshaftwerdung der ersten Bauern in der Bronzezeit.
Faszinierend sind auch die Geschichten rund um „Donnerkeile“, fossilierte Überreste von Belemniten (Kopffüßler) oder aber spitzen vorgeschichtlichen Faustkeilen. Diese wurden bereits von frühen Bauern unter dem Dach des Hauses aufgehängt oder unter der Eingangstür vergraben (Quelle). Beides sollte vor Blitzeinschlag schützen. Kleine Donnerkeile – in diesem Fall meist Belemniten – wurden Kindern umgehängt, um sie vor Dämonen zu schützen. In der Pfalz sagt man „Himmel Herrgott Dunnerwedder“ oder eben „Gewidder Dunnerkeil“.
Ebenfalls vor Blitzeinschlag sollte schützen, wenn man das Dach mit Hauswurz (Sempervivum) bepflanzt. Karl der Große verordnete dies seinen Untertanen um das Jahr 795 herum. Man glaubte damals, dass die Pflanze die Fähigkeit hat, Blitze vom Haus abzuhalten.



Zu den in der Geschichte besonders wichtigen Schutzsymbolen gegen Böses zählt die Blume des Lebens („flower of life“).

Die zugrundeliegende sechsstrahlige Rosette wird im Englischen „hexafoil“ genannt. In der Schule zeichnet man die Figur üblicherweise in der Mittelstufe im Mathematik-Unterricht, wenn die Nutzung des Zirkels eingeübt wird: Man zeichnet zunächst einen Kreis mit einem bestimmten Radius. Anschließend sticht man den Zirkel an einer Stelle in diesen Kreis und zieht eine gerundete Linie mit diesem Radius von der einen Schnittkante des Kreises bis zur nächsten, auf die man beim Zeichnen trifft. Dort sticht man den Zirkel erneut ein und vollzieht diese Bewegung wieder. Nach mehrmaligem Wiederholen entsteht die sechsstrahlige Rosette.

Die „Blume des Lebens“ gehört zur sogenannten Heiligen Geometrie. Ein Video beschreibt den Hintergrund des Begriffs gut. Hier zeigen sich auch die indoeuropäischen Zusammenhänge und die Bedeutung, die dieser Ansatz bereits im indischen Sanskrit hatte. Aber die Prinzipien der Heiligen Geometrie sind ortsungebunden und weltweit gültig:

Im Rahmen des indoeuropäischen Kulturaustauschs fand die „Blume des Lebens“ als Teil der „Heiligen Geometrie“ unter anderem Eingang in den Sohar, einem wichtigen Werk der Kabbala – und damit in die jüdische Mystik. Hier wurde eine Verbindung zum sogenannten „Baum des Lebens“ (tree of life) hergestellt.
Aber auch über die griechische und römische Kultur verbreiteten sich diese Gedanken weiter und erreichten das entstehende Christentum. Der Glaube, dass vollkommene Formen eine apotropäische – also Schaden und Dämonen abwehrende – Wirkung haben, blieb dabei bis in die Neuzeit erhalten.
Apotropäische Figuren werden in einem Zug gezeichnet, weil dieser Akt selbst eine Art von Schutzhandlung ist. Die Zeichnung, die in einem Zug ohne Abheben des Stifts vom Papier ausgeführt wird, symbolisiert die Unzerbrechlichkeit des Schutzmantels, den die Figur darstellt. Durch das Zeichnen in einem Zug wird die Magie der Figur verstärkt und ihr Schutzpotential effektiver. Man spricht in diesem Kontext von sogenannten „Ein-Linien-Figuren“.


Mittelalterliches Schutzsymbol in einer Kirche in Suffolk, England (Quelle: Wikipedia)
