
Lilith in Mesopotamien
Ein kulturelles Muster – ein sogenanntes „Mem“ – hat historisch meist viele Quellen. Im Fall der Elwedritsche führt uns der Weg zurück in die Wiege der Zivilisation nach Mesopotamien – und hier wiederum im Besonderen ins Reich der Sumerer (ab ca. 2800 v. Chr.). Hier sind die ältesten Wurzeln des Elwedritsch-Mems zu finden. Näheres zur Geschichte und zu den damals im fruchtbaren Halbmond gesprochenen Sprachen erfährt man, wenn man hier klickt.
Im 3. Jahrtausend vor Christus gibt es in dieser Region eine vielschichte, aber auch undurchsichtige Götter- und Dämonenwelt. Dennoch weisen einige von ihnen Züge auf, die man später in Druden wiederfindet: den Drang, Menschen Schaden zuzufügen; die Aktivität in der Nacht; den Versuch der Menschen, sich in der Nacht gegen Schaden zu schützen. Die mesopotamischen Dämoninnen Lilith und Lamashtu, die gelegentlich auch gleichgesetzt werden, rücken hier in den Vordergrund.
In babylonischen Erzählungen finden sich Hinweise auf Lilith, die eng mit der Göttin Ištar (auch Ischtar) verknüpft sind. Diese wurde als Muttergöttin verehrt, war aber auch gleichzeitig Liebesgöttin und Himmelskönigin (in Verbindung mit dem Morgen- und Abendstern Venus). Als solche ist Ištar gleichzeitig Göttin der Fruchtbarkeit und der Wollust. Die Menschen sehen sie als Tochter der Himmelsgötter Anu (Vater) und Anatum (Mutter).

Offensichtlich spalteten die Menschen bereits im Laufe des 3. Jahrtausends v. Chr. Aspekte der Ištar ab, und zwar deren bedrohliche Eigenschaften, gegen die man sich zu schützen suchte. Diese wurden auf Lilith (und Lamashtu) übertragen. Eine weitere Wurzel des neu entstandenen Dämons ist in sumerischen Windgottheiten zu sehen. Der Name leitet sich vermutlich von der sumerischen Wortwurzel „lil“ ab, was „Luft“ oder „Geist“ bedeutet. Andere Übersetzungen sprechen von „Windhauch“. Lilith wurde als ein Wesen angesehen, das zwischen der materiellen Welt und der geistigen Welt verkehrt.
Einen guten Einblick in das Wesen von Lilith gibt Faruk Nasser im Buch „Lilith: Herrscherin der Nacht – Von mesopotamischen Götterwelten zur biblischen Dämonologie“ (Ahrensburg 2024, hier S. 53f.):
„Im antiken Mesopotamien, jener Wiege einiger der frühesten bekannten Zivilisationen, war der Glaube an Dämonen und böse Geister tief in der Alltagskultur verwurzelt. Lilith, eine komplexe Wesenheit, die als ein hauptsächlich negativ konnotierter weiblicher Dämon betrachtet wurde, spielte eine bedeutende Rolle in diesem Glaubenssystem (…). Die Menschen Mesopotamiens verfassten eine Vielzahl von Beschwörungen und Ritualen, um Lilith und andere böse Geister abzuwehren (…). Die Rituale um Lilith waren nicht allein Aufgabe von spezialisierten Priestern; sie waren tief in das Volksleben integriert. Mütter beispielsweise verwendeten Schutzamulette, um ihre Kinder in der Nacht zu bewahren, während Männer Haus und Familie mit speziellen Zeichen und Symbolen vor dämonischen Einflüssen sicher hüteten. Diese Handlungen bedeuten mehr als bloße Angst vor dem Unbekannten – sie stellten einen aktiven Akt der Kontrolle dar, einen Versuch, die eigenen Lebensbedingungen zu gestalten und das Böse in Schach zu halten.“
Faruk Nasser gibt den Hinweis, dass die babylonische Literatur, vor allem Beschwörungstexte und Epen, von Kreaturen berichten, die in Beschreibung und Funktion Lilith ähneln. Häufig ist von einem „weiblichen Dämon“ die Rede, der „nachts auf die Stadt Babylon herabstürzt“ – und zwar aus der Luft. Das macht Sinn, denn die sumerischen Windgottheiten, zu denen „Lil“ (Lilitu, Lilith) zählt, nähern sich natürlich vom Himmel her. So wundert es auch nicht, dass Lilith in früher sumerische Zeit als „vogelähnliche Gestalt mit Flügeln“ (Nasser) dargestellt wird. Bis heute wird die Elwedritsch als vogelähnlich beschrieben, wobei in Pennsylvania vogelartige Wesen mit Katzenköpfen zu dominieren scheinen (vgl. das Kapitel „Schwarze Katze). In der Pfalz heute ist nichts Katzenartiges (mehr) in der Elwedritsch zu erkennen. Das kulturelle Muster („Mem“) hat sich also in den vergangenen Jahrhunderten an verschiedenen Orten durchaus unterschiedlich entwickelt.
Fassbar wird Lilith nicht nur in Beschwörungstexten, sondern auch im sumerischen Gilgamesch-Epos, einer der ältesten schriftlich überlieferten Dichtungen der Menschheit. Hier taucht sie in der Geschichte Inanna und der Huluppu Baum als „dunkle Magd“ auf, die gemeinsam mit einer Nachteule, einer Schlange und einem Adler in einem Baum wohnt. Eulen und Schlange identifizieren sie als nachtaktiven Dämon. Inanna möchte den Baum besitzen und in ihren Garten bringen. Auch möchte sie sich aus dessen Holz einen Thron und ein Bett bauen. Doch die Baumbesetzer wollen nicht weichen. Gilgamesch erschlägt die Schlange, woraufhin Lilith und die anderen in „wilde, unbewohnte Gegenden“ fliehen.

Lilith im frühen jüdischen und christlichen Kontext
Lilith fand später Eingang in die jüdische Religion. Der erste Kontakt fand vermutlich während der Zeit des jüdischen Exils in Babylon statt (597 – 539 v. Chr.). Über 4.000 Menschen der jüdischen Oberschicht mussten nach der ersten Eroberung Jerusalems und des Königreiches Juda durch den babylonischen König Nebukadnezar II. ihre Heimat verlassen und wurden im Zweistromland angesiedelt.

Wichtig ist die hebräische Fassung der Schöpfungsgeschichte, in der es heißt:

Gott machte Menschen, männlich und weiblich. Soweit Genesis 1 – in Genesis 2 findet sich dann eine alternative Schöpfungsgeschichte des Menschen:

Gott machte „sie“ aus einer Rippe von „ihm“. Das ist nun etwas ganz Anderes als in Genesis 1 beschrieben. Während im christlichen Kontext der zweite Text eher als Präzisierung des ersten verstanden wird, verlief die Entwicklung in der jüdischen Überlieferungstradition zumindest in Teilen anders. Im sogenannten Alphabet of Ben Sira, entstanden zwischen 700 und 1000 n. Chr. in einem muslimischen Land, wird der Versuch unternommen, die Existenz der zwei Fassungen zu erklären:

Gott schuf also Adam und Lilith, und es gab Streit. Lilith entschloss sich, Adam zu verlassen, und entflog, um sich in der Wüste niederzulassen. Seitdem wirkt sie als Dämonin, die Männern, Frauen (vor allem Schwangeren und Wöchnerinnen) und Kindern (vor allem Säuglingen) gefährlich werden kann – und das vor allem in den Nächten. Gott aber schuf mit Eva eine zweite Frau für Adam aus dessen Rippe. Weil sie damit ein Teil von Adam war, ordnete sie sich klaglos unter.
In hebräischen Texten erscheint Lilith als Nachtgestalt oder bösartiger Dämon, von dem Gefahr ausgeht. Die erste Erwähnung scheint in Erubin 100b im Talmud (ca. 200-600 n. Chr.) zu stehen:

Im Hebräischen wird der Name Lilith bisweilen mit der Wurzel „lail“ assoziiert, was in semitischen Sprachen „Nacht“ bedeutet. Faruk Nasser schreibt, das verbinde Lilith nicht nur mit der Dunkelheit, sondern auch mit den in der Nacht lauernden Gefahren.
Er betont, wie tief Abwehrmaßnahmen gegen Lilith im jüdischen Volksglauben verankert waren, und schreibt:
„Kennzeichnend für den jüdischen Volksglauben war die Verwendung von Amuletten und Abwehrmaßnahmen gegen Lilith (…). Ein weiteres weit verbreitetes Ritual war das Aufsagen bestimmter Gebete und Beschwörungen (…). Der Glaube an die Wirksamkeit solcher Rituale wurde durch mündliche Überlieferungen und schriftliche Texte weiter verstärkt, wobei viele dieser Texte im jüdischen Mittelalter in Form von Grimoiren und anderen magischen Sammlungen gesammelt und bewahrt wurden. Ein bedeutendes Beispiel ist der Text Sefer HaRazim, ein kabbalistisches Buch, das zahlreiche Rituale zum Schutz vor Dämonen umfasst. Ein Ritual, das speziell für Neugeborene entwickelt wurde, bestand darin, einen Schutzring um das Kinderbett zu zeichnen oder zu legen, um Lilith und andere böswillige Wesen fernzuhalten.“ (Nasser, S. 80/81)
An dieser Stelle ist es notwendig, einen weiteren Diskurs des Lilith-Komplexes anzusprechen. Allerdings will ich einen persönlichen Disclaimer voranstellen: Bei allem, was Religion, Spiritualität und gar Esoterik betrifft, bin ich persönlich raus. Weil es dazu gehört, will ich das folgende Zitat von Faruk Nasser aus ihrem Lilith-Buch ebenfalls nennen:
„Während im Talmud Lilith als Nachtdämon beschrieben wird, finden sich in der Kabbala weitreichendere metaphysische und mystische Deutungen. Lilith wird mit dem Qliphoth in Verbindung gebracht, den Schattenseiten der sephirotischen Struktur im Baum des Lebens, und steht somit in Opposition zur göttlichen Ordnung. Diese tiefere Symbolik positioniert Lilith nicht nur als dämonische Figur, sondern als einer Komplexität, die mit Konzepten wie Chaos und Ungerechtigkeit in einem kosmologischen Kontext verbunden werden kann.“ (Nasser 2024, S. 77/78)
Die Kabbala entstand ab etwa 1200 und ist eine kulturelle Ausdrucksform der mystischen Tradition des Judentums und umfasst Lehren und Schriften. Der Talmud ist eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums. Der Qliphoth steht für unreine geistige Kräfte, und Sephirot steht für zehn Aspekte im kabbalistischen Lebensbaum.





Ich will hier ganz vorsichtig formulieren, weil das Thema komplex ist und nur den einen Aspekt herausgreifen, den ich interessant finde: Die Menschen waren offenbar fasziniert von geometrischen Strukturen, die in ihrer Unendlichkeit Vollkommenheit symbolisierten. Die dahinter stehenden mathematischen Gesetzmäßigkeiten wurden ab einem bestimmten Zeitpunkt als Ausdruck göttlicher Schöpfungskraft interpretiert. Damit waren diese Symbole geeignet, „nicht Vollkomenes“ – also etwa Dämonen wie Lilith – abzuwehren. Es ist ein deutlicher Hinweis, weshalb wir in Pennsylvania, in der Pfalz, aber auch in ganz Europa, rund um das Mittelmeer, in Kleinasien und im fruchtbaren Halbmond und sogar in Indien (Stichwort: Indoeuropäischer Kulturkreis) Symbole dieser Art finden. Natürlich haben sie sich z.B. in Pennsylvania („Hex Signs“) und Indien („Mandalas“) ganz unterschiedlich entwickelt. Wichtig ist auch, dass die Herleitung dieses Sachverhalts hier zwar aus dem jüdischen Kontext stammt, die Perspektive aber auch in der griechischen und römischen Kultur bekannt war. Ab dem 15. Jahrhundert entwickelten Christen eine „christliche Kabbala“. Sie suchten Gemeinsamkeiten in den religiösen Lehren von Christen und Juden mit dem Ziel, Letztere zu bekehren. So fanden die Ideen auch Eingang in den christlichen Kontext. Also, in einem Satz zusammengefasst: Was in sich vollkommen und ohne Anfang und Ende ist, schützt vor dem Bösen – insbesondere Lilith (und später auch Alben, Druden und Albdruden im deutschen Sprach- und Kulturraum).
Schon ab dem 13. Jahrhundert wurde Lilith einer weiteren Transformation unterzogen: Die jüdischen Kabbalisten machten sie mehr und mehr zur Gemahlin Samaels – ein Erzengel, der im jüdischen Kontext oft mit dem Satan gleichgesetzt wurde. Sie sahen in Lilith ein Instrument der Versuchung und der Prüfung.
Die Abbildung am Beginn dieses Kapitels zeigt, wie man sich im Mittelalter mit Amuletten vor dem Einfluss von Lilith zu schützen suchte. Ein weiteres Beispiel ist hier hinterlegt. Es gibt aber auch Objekte aus dem 20. Jahrhundert, die mit der gleichen Absicht getragen wurden. Ein Beispiel findet sich hier.
In der Bibel wird Lilith in Jesaja 34:14 erwähnt. Hier heißt es:

Hier im Alten Testament – entstanden im 1. Jahrtausend v. Chr. – wird in einer prophetischen Rede geschildert, wie Edom – ein östlich der Jordan-Senke siedelnder Stammesverband – der Vernichtung anheimfällt. Im Rahmen dieser Beschreibung wird u.a. berichtet, welche unheimlichen und gefährlichen Tiere die Ruinen Edoms bevölkern und diese so unbewohnbar machen. Zu dieser „Anti-Gesellschaft“, in der keine zivilisatorischen Regeln mehr gelten, gehört neben anderen „Feldteufeln“ (Bocksgeistern) auch Lilith, die Dämonin.
Lilith im griechischen Kulturraum
Zwischen 250 und 100 v. Chr. wurde die hebräisch-aramäische Bibel von hellenistischen Juden in Alexandria (Ägypten) in die altgriechische Alltagssprache – die „Koine“ – übersetzt. Der Name des Werkes war Septuaginta. Beim Namen „Lilith“ war die Übersetzung offensichtlich schwierig, weshalb man sich im Altgriechischen für den Begriff „Nachtgeschöpf“ entschied. Die Griechen hatten aber andere Vorstellungen von Dämonen und kannten z.B. die Empusen. Das waren nachtaktive weibliche Dämonen, die während des Schlafes Menschen verführten. Wichtig ist die Feststellung, dass mit der Übersetzung vom Hebräischen ins Altgriechische das Lilith-Motiv das lokale israelitische Umfeld verließ und sukzessive in die griechische Kultur eingeführt wurde. Aus einer eher regional in Mesopotamien bekannten Dämonin wurde aus ihr im hellenistischen Kulturraum eine universale destruktive Kraft. Von hier aus breitete sich Lilith in der europäischen Kulturgeschichte aus.
Lilith im römischen Kulturraum
Im späten 4. Jahrhundert n. Chr. wurden biblische Texte ins Lateinische übertragen. Die Übersetzung ist unter dem Namen Vulgata bekannt. Hier gab es ebenfalls Probleme, komplexe und oft mehrdeutige Konzepte angemessen vom Hebräischen ins Lateinische zu übertragen. Bei Lilith stützte sich der Übersetzer Hieronymus (348-420 n. Chr.) auf die Septuanginta, wo Lilith als „onokentauros“ (geflügelte Eule) bzw. als „strigá“ (verzehrender Dämon) erscheint. Beim bereits oben erwähnten Text in Jesaja 34:14 entscheidet sich Hieronymus für den Begriff „Lamia“. „Lamia“ bezeichnete im Lateinischen eine „ambivalente, dämonische Frau“, aber auch eine „gespenstische Figur“. So wird Lilith in den römischen Kontext eingeführt.

Im Mittelalter interpretierte die katholische Kirche „Lamia“ als Synonym für „moralische Verderbtheit“. Es zeigt sich, dass sich das, was die Menschen mit Lilith verbanden, mit jeder Übersetzung änderte. Im christlichen Kontext entsteht das Bild einer verwerflichen Frau, vor der man sich als Mann in Acht nehmen muss.
Lilith in Deutschland im Mittelalter und in der frühen Neuzeit
Sowohl in der jüdischen als auch in der christlichen Religion verschärfte sich das Bild von Dämonen und Hexen während der Periode der Inquisition zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert. Die Menschen sahen in verschiedensten Aspekten des Alltags das Wirken von Hexen und Dämonen – und versuchten, sich mit christlichem Instrumentarium, aber auch nicht-christlichen Beschwörungsformeln und Symbolen zu schützen. Im deutschsprachigen Raum kannte man aus heidnischer Zeit das Wort „Alb“ und im christlichen Kontext die Begriffe „Drude“ bzw. „Mahr“ (neben weiteren). Im Englischen entstand der „nightmare“ (Albtraum, aber eigentlich: Nachtmahr), in Deutschland unter anderem die „Albdrude“.
In Goethes „Faust 1“ taucht Lilith übrigens ebenfalls auf, und zwar als Hexe in der Walpurgisnacht-Szene:

Ein Zusammenhang mit jüdischem Leben in der Pfalz?
Wenn man das so liest, kann einem ein Gedanke kommen: War nicht der jüdische Glaube im Rheintal seit dem frühen Mittelalter fest verankert? Ist das Jiddische zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert nicht in Südwestdeutschland enstanden?

Sind nicht Speyer, Worms und Mainz gemeinsam Weltkulturerbe als jüdische SchUM-Städte? Ist es vielleicht kein Zufall, dass sich gerade im Rheintal und angrenzenden Regionen, wo aschkenasische Juden lebten, aus Alben und Druden die Albdrude und später die Elwedritsch entwickelte? Auch die jiddische Sprache hat schließlich Eingang in die Dialekte der Region gefunden. Zwar kennt das Jiddische den Begriff „Drud“ nicht – dafür war „Lilith“ als nächtlicher Dämon sehr präsent. War vielleicht gerade hier im nachbarschaftlichen Austausch zwischen Christen und Juden der Glaube an schädigende Nachtdämonen in der Vergangenheit besonders stark verbreitet? Findet man nicht gerade entlang des Rheins und angrenzenden Regionen an Häusern aus dem 18. Jahrhundert (und älter) noch immer besonders viele Schutzsymbole wie sechsstrahlige Rosetten und Pentagramme? Ich finde, das ist ein interessanter Gedanke – vor allem auch deshalb, weil sich hier vom mesopotamischen Ursprung bis zur Albdrude eine beachtliche Kontinuität in der Sicht auf Lilith zeigt: Es handelt sich um einen weiblichen Schadensdämon, der eine Gefahr für Frauen und Säuglinge ist.
Bernhard Kukatzki (Schifferstadt), ein Kenner der jüdischen Geschichte der Pfalz, hält den Gedanken nicht für abwegig. Er schreibt: „Bezüge (Anm.: zwischen der im jüdischen Kontext genannten Lilith und den Albdruden bzw. pfälzischen Elwedritschen) sind nicht undenkbar, so ist in der Pfalz im 18. Jahrhundert der Gebrauch eines gedruckten Lilith-Amuletts nachgewiesen. Es befindet sich in meiner Judaica-Sammlung, ist etwa DIN A5 groß.“ (E-Mail vom 7. Juli 2025). Und laut der Zeitung „Jüdische Allgemeine“ ist Aberglaube auch im 21. Jahrhundert fest in der jüdischen Tradition verankert. Vor allem fürchtet man sich vor dem „bösen Blick“, den jeder werfen kann, der Neid empfindet. Aus Angst vor Unglück wird Babyausstattung erst nach der Geburt gekauft, und Krippen werden mit Amuletten gegen schädigenden Einfluss geschützt. Beliebtestes Symbol ist die Chamsa, die „schützende Hand“.

Wer sucht, findet sogar Belege für diesen völlig neuen – christlich-jüdischen – Aspekt des Elwedritsch-Komplexes: So gibt es einen Text des Rabbiners Naphtali Hirsch ben Elieser Treves, der im Jahr 1560 einen Brauch erwähnt, bei dem ein Kreis um die gebärende Frau gezogen wird, um sie vor Lilith und weiteren Dämonen zu schützen. Vollzogen wurde dies mit einem „Krasmesser“ (Kreismesser), das von der Hebamme oder aber dem Vater zu führen war (Quelle, dort S. 9-35).
Fast 200 Jahre später – im Jahr 1734 – enthält die Beschreibung jüdischer Geburtsbräuche des Autors Paul Christian Kirchner eine Abbildung, die ein Messer oder aber ein Schwert in der Nähe des Bettes zeigt. Ein Johann Christian Georg Bodenschatz erwähnt in einem Text im 18. Jahrhundert ebenfalls ein Schwert in der Nähe einer schwangeren Frau. Noch aus dem 20. Jahrhundert gibt es mündliche Überlieferungen aus Baden Württemberg, nach denen kreisende Bewegungen mit einem Messer ausgeführt wurden, um eine gebärende Frau vor Lilith zu schützen (Quelle).
Vielleicht hat sich im aschkenasischen Judentum das ursprüngliche mesopotamische Lilith-Motiv besser erhalten und konnte so die Entstehung von Konzepten wie Alben, Druden, Albdruden und Nachtmahren begünstigen. Zwar waren diese Gestaltwandler(innen) auch in anderen Regionen Deutschlands unter verschiedenen Namen bekannt. Vielleicht aber erhöhte die Anwesenheit von jüdischen Nachbarn, die zu diesem Thema ebenfalls einen direkten Zugang hatten, die Wahrscheinlichkeit der Entstehung von Abwehrmaßnahmen und Angstverarbeitungsritualen wie der Verkleinerung der Albdrude zur Elwedritsch auch in der christlichen Bevölkerung.
Bernhard Kukatzki stellt fest: „Durch die Vertreibungen (Anm.: des späten Mittelalters) wandelte sich das bis dato vorwiegend urban gebundene Judentum seit dem 16. Jahrhundert in ein weit bis in das 19. Jahrhundert dominierende Landjudentum. In der vor der Französischen Revolution in vierzig verschiedene Herrschaften aufgesplitterten Pfalz bildeten sich wegen der unterschiedlichen rechtlichen Stellung regionale Siedlungsschwerpunkte heraus. So lebten verhältnismäßig wenige Juden in den Gemeinden des Herzogtums Pfalz-Zweibrücke oder in der Kurpfalz und im Hochstift Speyer. Überproportional viele jüdische Familien siedelten dagegen in den leiningischen Territorien, dem Fürstentum Nassau-Weilburg und anderen gräflichen oder adligen Kleinterritorien. Besonders in den Adelsdörfern erreichte der jüdische Bevölkerungsanteil oft mehr als zehn bis 25 Prozent. Legt man statistische Übersichten vom Anfang des 19. Jahrhunderts, also wenige Jahre nach dem Ende des Feudalsystems in der Pfalz zugrunde, weisen zwei Dutzend pfälzische Gemeinden einen jüdischen Bevölkerungsanteil von mindestens zehn Prozent auf. Zu ihnen zählten u.a. Albersweiler, Böchingen, Carlsberg, Essingen, Grünstadt, Rülzheim, Steinbach am Glan und Teschenmoschel. Etwa ein Dutzend Gemeinden verzeichneten gar Bevölkerungsanteile von über fünfzehn Prozent. Dazu gehörten Dörfer wie Busenberg (19%), Gauersheim (26%) oder Ingenheim (29%).“ (Quelle)
In diesem gesellschaftlichen Kontext des Austauschs von christlichen und jüdischen Nachbarn könnte aus der „Albdrude“ die „Elwedritsch“ entstanden sein.
Wir dürfen die Augen aber auch nicht vor einer anderen Deutungsmöglichkeit verschließen: Dem Einfluss der antisemitischen Ritualmordlegende. Der auch als „Blutanklage“ bekannte Vorwurf entstand im Mittelalter und wurde von der Kirche verbreitet. Die ersten bekannten Vorwürfe stammen aus dem 12. Jahrhundert in England. Die Legenden behaupteten, dass Juden insbesondere während des Pessachfestes christliche Kinder entführten und ermordeten, um deren Blut für die Zubereitung von Matzen zu verwenden. Die Behauptungen waren falsch, grausam und führten zu massiven Gewalttaten gegen jüdische Gemeinschaften. Die Ritualmordlegende führte zu Pogromen und Verfolgungen ebenso wie zur Verbannung – also dem Ausschluss und der Vertreibung – von Juden aus den städtischen bzw. dörflichen Gemeinschaften.
Nun muss zusätzlich berücksichtigt werden, dass der klassische Judenhut des Mittelalters nach Pestereignissen im 14. Jahrhundert zum Stigma wurde und sich ikonographisch zum Erkennungszeichen z.B. von Zauberern entwickelte. Von hier war es nur noch ein kleiner Schritt zum heute bekannten spitzen Hexenhut.
Dies alles wirft noch einmal ein anderes Licht auf das Thema Elwedritsche: Möglicherweise entstand die Elwedritsch auch nicht als gemeinschaftliches Abwehrverhalten von christlichen und jüdischen Nachbarn im Rheintal, sondern unter Einfluss des Judentums als christliches Abwehrverhalten, welches das Böse aus der Dorfgemeinschaft verbannen wollte. In dieser Interpretation wäre mit der Verbannung der Albdrude bzw. Lilith in Form der Elwedritsch gleichzeitig die Verbannung jüdischer Gemeinden – also des vermeintlich Fremden – aus der örtlichen Gesellschaft mit konnotiert. Was stärker wog, muss für den Moment offen bleiben.
Der erotische Aspekt, also die Tatsache, dass der Dämon Männern im Schlaf gefährlich werden konnte (Succubus), hat in der Geschichte mit jeder Wandlung des kulturellen Musters vom mesopotamischen über den griechischen und römischen Kontext bis ins Christentum immer weiter an Bedeutung gewonnen. Hierfür waren in der Regel Gebildete verantwortlich, die die überlieferten Geschichten für einen neuen Kulturraum übersetzten und dabei immer auch anpassten. An dieser Stelle müssen wir auf einen weiteren Aspekt des Lilith-Kompexes eingehen: Lilith als Verführerin – Lilith als Schlange!

Das Thema „Verführung“ hat Michelangelo in seinem Fresko „Erbsünde und Vertreibung aus dem irdischen Paradies“ (1508-1512, Sixtinische Kapelle) umgesesetzt. Auch hier ist eine Schlange mit Frauenkopf zu sehen. Ist es Lilith? Einiges spricht dafür. Als Mischwesen aus Frau und Schlange wird sie zum Beispiel auch in der jüdischen Kabbala dargestellt …

Im Pennsylvania Dutch Country wird von einer Gift spritzenden Schlange erzählt, die „Reefschlang“ (hoop snake, Reifenschlange) genannt wird. Sie beiße sich, so sagt man, selbst in den Schwanz, um sich rollend fortzubewegen und ihre Opfer auf diese Weise schneller zu erreichen. Sehen wir hier vielleicht eine weitere Abwandlung des Lilith-Motivs, nämlich Lilith als Verführerin, der man nicht entkommen kann? Ich weiß es nicht.
Die „Deutsche Bibel-Gesellschaft“ hat dankenswerterweise die Quellenlage zu Lilith einmal auf einer Website zusammengestellt. Man erreicht die Übersicht, wenn man hier klickt.
Auch das Gettysburg College in Pennsylvania gibt einen guten Überblick über Originaltexte, wo Lilith auftaucht. Hier geht es zu der Seite.
Einen hervorragenden Einblick über die komplexe kulturgeschichtliche Entwicklung von Lilith geben auch die nachfolgenden Videos:



Wenn man dem allem folgt, hat die Elwedritsch gleich zwei Wurzeln: eine indoeuropäische und eine hebräisch-aramäische (semitische) Wurzel. Im Indoeuropäischen breitete sich das Konzept eines nächtlichen Schad-Dämons zum Einen nach Kulturkontakt mit mesopotamischen Kulturen mit den Wanderungsbewegungen der bäuerlichen Gesellschaften nach Westen und Osten aus. Zum Anderen wurde das Konzept über Bibelübersetzungen ins Griechische (Septuaginta) bzw. Lateinische (Vulgata) indoeuropäischen Gesellschaften – Griechen und Römern – zugänglich. Diese Texte aber gehen letztlich auf jüdische (hebräische, aramäische) Überlieferungen zurück.
Unabhängig davon wurde das Konzept eines nächtlichen Schaddämons in jüdischen Gemeinschaften über die Jahrhunderte weiter tradiert und in Europa verbreitet. Im Rheintal – Mainz, Worms und Speyer – gibt es Gemeinden seit dem 10. Jahrhundert. Hier treffen sich die Stränge wieder, und jüdische wie nicht-jüdische Nachbarn haben Angst vor den gleichen nächtlichen Dämonen.

Ein „Fun Fact“ am Rande: Hinter dem englischen Wort „lullaby“ (Wiegenlied) soll das hebräische „lilit abe“ („Lilith, geh weg!“). Stecken. Hierbei handelt es sich jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach um eine sogenannte „Volksetymologie“: Weil das Wort so klang, wurde es so gedeutet. Zum wahren Hintergrund gelangt man, wenn man hier klickt. Man sieht aber auch hier wieder, wie groß die Angst vor Lilith war: Auch in einem Wiegenlied sah man in jüdischen Gemeinden eine Beschwörungsformel zur Absicherung der Kinder.
Nächtliche Schadensdämonen wie Lilith sind sowohl im semitischen (hebräisch-aramäischen) als auch im indoeuropäischen Raum eng mit dem Phänomen der Schlafparalyse verbunden. Auch im Arabischen – ebenfalls eine semitische Sprache – finden sich Hinweise, nämlich im Koran. Auf der aktuellen Website islamundkoran.net empfiehlt die Redaktion beim Auftreten einer Schlaflähmung das Aufsagen von Koransuren:
قُلْ هُوَ اللَّهُ أَحَدٌ. اللَّهُ الصَّمَدُ. لَمْ يَلِدْ وَلَمْ يُولَدْ. وَلَمْ يَكُن لَّهُ كُفُوًا أَحَدٌ.
,,Sag: Er ist Allah, ein Einziger, Allah, der souveräne (Herrscher). Er hat weder Kinder gezeugt, noch ist er (selber) gezeugt worden. Und keiner ist Ihm gleich (al-Ikhlas [die Aufrichtigkeit im Glauben] 112/ 1-4).”
قُلْ أَعُوذُ بِرَبِّ الْفَلَقِ. مِن شَرِّ مَا خَلَقَ. وَمِن شَرِّ غَاسِقٍ إِذَا وَقَبَ. وَمِن شَرِّ النَّفَّاثَاتِ فِي الْعُقَدِ. وَمِن شَرِّ حَاسِدٍ إِذَا حَسَدَ.
,,Sag: Ich suche beim Herrn der Morgendämmerung Zuflucht vor dem Unheil (das) von dem (ausgehen mag), was er (auf der Welt) geschaffen hat, von hereinbrechender Finsternis, von (bösen) Weibern, die Zauberknoten bespucken, und vor dem Übel des Neiders, wenn er neidet (Al-Falaq [die Morgendämmerung] 113/1-5).“
هُوَ اللَّهُ أَحَدٌ. اللَّهُ الصَّمَدُ. لَمْ يَلِدْ وَلَمْ يُولَدْ. وَلَمْ يَكُن لَّهُ كُفُوًا أَحَدٌ.
,,Sag: lch suche Zuflucht beim Herrn der Menschen, dem König der Menschen, dem Gott der Menschen, vor dem Übel des schleichenden Einflüsterers, der da einflüstert in die Herzen der Menschen, sei es ein Dschinn oder ein Mensch (an-Nas [die Menschheit] 114/1-6).”
Der Ratschlag lautet:
„Die Schlafparalyse bedeutet, dass der Körper nach dem Aufwachen eine Weile bewegungsunfähig ist. Das kann physische Ursachen wie das Schlafen auf dem Rücken, unregelmäßiger Schlaf oder psychologische Gründe wie Stress haben. Die Schlafparalyse kann aber eventuell auch von den Dschinn verursacht werden. Es ist nämlich eine Tatsache, dass die Dschinn die Menschen auf verschiedene Weise beeinflussen. Sie sind genauso wie wir mit Vernunft begabte Wesen. Ein Teil von ihnen ist damit beschäftigt, Unheil zu stiften. Jedoch gibt es in solchen Fällen keinen Grund zur Beunruhigung. Wenn Sie abends beim Zubettgehen die Kapitel Ihlâs, Falaq und Nas zusammen mit ihrer Bedeutung lesen, wird sich das mit Gottes Hilfe nicht wiederholen.“ (Quelle)
Die deutsche Übersetzung für Dschinn (arabisch جِنّ / DMG: ǧinn, auch Djinn, Jinn) ist „Geist“ bzw. „Dämon“. Der Begriff bezieht sich auf unsichtbare Wesen, die sowohl gut als auch böse sein können und im Islam eine wichtige Rolle spielen. Wir sehen: Das Thema ist auch im 21. Jahrhundert noch hochaktuell.


